Rönneburg - Grüne Oase mit langer Geschichte

Alter Kran auf dem Gelände der Baufirma Weseloh
Andreas Laible/ HA

 

Bis heute dominiert dörfliches Leben rund um den Burgberg am südlichen Stadtrand von Hamburg.

 

Fläche in Quadratkilometer: 2,3
Einwohner: 3190
Wohngebäude: 772
Wohnungen: 1387
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 263
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: keine Daten
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016/2017)

 

Wo vor mehr als 1000 Jahren alles anfing, zetern Amseln, und mächtige Buchen treiben ihre Wurzeln in die steilen Abhänge. Oben auf dem 80 mal 34 Meter messenden Plateau haben Nordic Walker den unbefestigten Rundwanderweg mit ihren Stöcken gelöchert und Hunde Pfotenabdrücke hinterlassen. Ihr Geläuf liegt im Schatten der Bäume und auf höchst geschichtsträchtigem Boden. Denn irgendwann zwischen dem 9. und dem 11. Jahrhundert wurden hier, gut 45 Meter über dem Meeresspiegel, Holzpalisaden errichtet und ein Erdwall aufgeworfen: die Befestigungsanlagen einer höchstwahrscheinlich hölzernen Burg. Der Hügel, auf dem sie einst stand, wird deshalb mit vollem Recht Burgberg genannt.

In wessen Auftrag die Ringwallanlage errichtet wurde und zu welchem Zweck, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Sicher ist: Etwa vom Jahr 845 an zogen Wikingerhorden immer wieder brandschatzend und mordend die Elbe hinauf. Da konnte ein Stützpunkt mit gutem Überblick über die Stromniederung durchaus nützlich sein. Und sicher ist auch: Eben diese Burg war die Keimzelle und Namensgeberin für Rönneburg.

Bis heute, mehr als 30 Generationen nachdem die unbekannten Burgenbauer anrückten, ist der Burgberg der grüne und mittlerweile längst naturgeschützte Mittelpunkt des Stadtteils. Zu seinen Füßen stehen reetgedeckte Fachwerkhäuser, verlaufen kopfsteingepflasterte Straßen, werden auf dem Schießstand Schützenkönige ermittelt und anschließend auf dem Saal im Gasthaus Rönneburger Park gebührend gefeiert.

Hochburg der Schützen

Das tut der Rönneburger gern öfter im Jahr. Gleich drei Schützenvereine -- der Schützenverein Rönneburg von 1897 mit seinem 1912 gegründeten Spielmannszug, der Schützenverein Eiche Rönneburg und der Schützenverein Kanzlershof -- sind im kleinen Stadtteil beheimatet. Rekordverdächtig.

Im Übrigen spielt sich das organisierte gesellschaftliche Leben in verschiedenen Vereinen wie der Fanfarengruppe und der Freiwilligen Feuerwehr (FF) ab. 2013 ist mit der Fusion des ehemaligen SV Rönneburg von 1923 und der FSV Harburg 1893 zur FSV Harburg-Rönneburg ist das Breitensportangebot gewachsen, es gibt Spielstätten in Wilstorf und Rönneburg. Die Teilnahme am Schredderfest, wenn gleich zum Jahresbeginn die Weihnachtsbäume entsorgt werden, und das Osterfeuer (immer schon am Gründonnerstag) sind für Alteingesessene ein Muss.

Wenn die Aktiven mit den beiden Löschfahrzeugen ausrücken, liegt der Einsatzort nicht selten außerhalb, denn die FF Rönneburg ist auch zuständig für die Nachbarstadtteile Langenbek und Gut Moor sowie für große Teile Wilstorfs. Wo der eine Stadtteil aufhört und der nächste beginnt, ist oft schwer zu erkennen, nur Eingeweihten bekannt -- und im täglichen Leben auch kaum von Belang. Vielleicht ist das der Grund, warum Immobilienmakler ein Objekt bisweilen mit dem beliebten Wohnstandort Rönneburg anpreisen, obwohl es weit nach Wilstorf hinein liegt. Immerhin tragen die Rönneburger Fußballer ihre Heimspiele auch auf der Wilstorfer Höh' aus.

Von Wiesen und Bauland

Die Wandlung Rönneburgs vom Bauerndorf zum Wohnstadtteil setzte spätestens mit Beginn des vergangenen Jahrhunderts ein, als wohlhabende Harburger sich dort Sommersitze im Grünen zulegten oder geräumige Häuser und Villen errichten ließen. Die Straßenbahn (bis 1971 fuhr sie von der Radickestraße durch bis nach Hamburg) tat ein Übriges, dass aus Wiesen, Weiden und Äckern nach und nach Bauland wurde.

Dabei gilt die Faustregel: Je näher zur niedersächsischen Landesgrenze, desto lockerer wird das Stadtbild, desto großzügiger geschnitten sind die Grundstücke. Auf der Fahrt über Jäger- und Vogteistraße stadtauswärts mischen sich zunächst Grünflächen und von Baumriesen bestandene Parks zwischen die Wohnbebauung, kurz vor der Stadtgrenze stehen Pferde auf der Weide, und bisweilen rumpelt ein Trecker über den Acker. Nur einen Landwirt, der allein von Ackerbau und Viehzucht lebt, gibt es in Rönneburg nicht mehr.

Zu den größten Arbeitgebern im Stadtteil gehören die an den Bahnstrecken gelegene Firma Stahlberg Roensch, ein Spezialist in Sachen Schienenbau, der 2009 vom Vossloh-Konzern übernommen wurde, sowie die Firma Schuethedruck an der Kanzlerstraße. Und dann ist da noch ein Unternehmen, das Rönneburg eine Art Wahrzeichen beschert: Der große, grüne Schwerlastkran, der über dem Betriebsgelände der Firma Heinrich Weseloh an der Straße Holzhäuser aufragt, lässt an alte Hafenanlagen denken. Eine Verbindung zum Wasser hat die 1894 gegründete Straßen- und Tiefbau-Firma durchaus. Sie hat etwa den Hamburger Fischmarkt gepflastert und hat sich bei Deichbauprojekten weit über Hamburg hinaus einen guten Namen gemacht.

Sanfte Hügel, dörfliches Flair

Dass der Stadtteil sein ländlich-dörfliches Flair bewahren wird, garantiert schon die von zwei Eiszeiten geformte hügelige Landschaft: Auf Rönneburgs verschlungenen Straßen geht es entweder bergauf oder bergab, aber in den seltensten Fällen einfach mal flach geradeaus. Wer da zu Fuß oder auf dem Rad unterwegs ist, bekommt garantiert kräftige Waden. Auf Schritt und Tritt kommen Tümpel, Teiche, bewaldetes Sumpfland und Bachläufe in Sicht, die sich tief ins Terrain eingegraben haben -- für Kinder ein riesiger Abenteuerspielplatz.

Dorthin geht es über Straßen und Wege, die sonderbare Namen wie Foßholt, Plaggenhieb, Holzhäuser, Rönneburger Freiheit oder Pepers Seeg tragen und so die Erinnerung an frühere Flurbezeichnungen bewahren. Die Gastronomenfamilie Küster, die im 19. Jahrhundert segensreich wirkte, wird sogar doppelt geehrt: mit dem Küstersweg und dem Küsterstieg -- bei dem dummerweise eines der beiden "s" vergessen wurde.


Beten bei den Nachbarn

Bewahrt wurde auch die Grundschule, neben dem Kindergarten die einzige öffentliche Einrichtung im Stadtteil. Eine eigene Kirchengemeinde ist Rönneburg erst seit 1960. Das Gotteshaus ist in einem alten Bauernhaus mit kleinem frei stehenden Holz-Glockenturm untergebracht und wohl das einzige reetgedeckte in Hamburg. Es steht an der Rönneburger Straße -- und damit bei den Wilstorfer Nachbarn. Doch in Rönneburg gilt dieser Standort keineswegs als Nachteil, sondern sogar als Beitrag zur Sicherung der Lebensqualität im Dorf. Wenn am Sonntagvormittag in Wilstorf die Glocken der Rönneburger Kirche bimmeln, habe man rund um den Burgberg trotzdem seine Ruhe, sagen Alteingesessene verschmitzt.

 

Rönneburg historisch

In Rönneburg geht es auf und ab – von wegen norddeutsches Flachland. Dieser kleine Stadtteil liegt auf einem welligen Geestrücken mit kräftigen Höhenunterschieden. Um 1540 hatte Herzog Otto I. parallel zum Geestrand einen Kanal zwischen der Seeve und Harburg graben lassen. Ziel war es, die Wasserzufuhr für die Harburger Mühle zu verbessern. Mit dem Bau des Seevekanals waren die Grundvoraussetzungen für die Kultivierung der angrenzenden Moorflächen geschaffen. Östlich des Kanals baute man 1847 die erste Eisenbahnstrecke von Harburg Richtung Hannover, 1874 wurde die Strecke nach Bremen eröffnet – und es kamen weitere Gleise hinzu.

Auf dem Gelände südlich des Kanals, das früher zu Gut Moor gehörte, befand sich eine Domäne der Harburger Kanzler, an die heute noch die Namen Kanzlerstraße und Kanzlerhof erinnern. Das Gut wurde allerdings 1910 beim Ausbau des Harburger Rangierbahnhofs abgerissen. Der Vogt von
Höpen, einer der zehn Vogteien im Amt Harburg, hatte seinen Sitz in Rönneburg.

Während der Franzosenzeit wurde für den Bau der Elbbrücke viel Holz in den angrenzenden Wäldern geschlagen. Rönneburg hatte fruchtbaren Boden, viel Wasser und eine strategisch günstige Lage. Der alte Dorfkern dehnte sich östlich des Burgberges aus. Eine Statistik aus dem Jahr 1867 weist im Dorf 72 Gebäude aus, von denen 15 als schlecht, 37 als mittelmäßig und 20 als gut bezeichnet werden.

Es stand in der „Lühmannschen“

Ein Blick in die „Harburger Anzeigen“ – die Zeitung war nach Übernahme durch Kommerzienrat Georg Lühmann auch als „Die Lühmannsche“ bekannt – zeigt für die Zeit ab Mitte des 19. Jahrhunderts die klassischen Nachrichten, wie sie typisch für Dörfer jener Zeit waren: Im März 1878 wird ein Haus durch Sturm zerstört, andere brennen ab – zum Beispiel 1879 und 1884. Im Juni 1888 vermeldet die Zeitung die Einrichtung einer Eisenbahnhaltestelle, 1902 folgte die „Landespolizeiliche Abnahme der elektrischen Straßenbahn innerhalb der Stadtgrenze“. 1892 war die Frau des Bauern Karl Hermann Weselmann vom Knecht ermordet worden. Zwei Jahre darauf starb der Witwer an „Auszehrung“, aber im Dorf hieß es natürlich, der Tod seiner Frau habe ihm das Herz gebrochen.

1937 hatte Rönneburg immerhin 1170 Einwohner – bei 402 Haushalten. Zu denen gehörten mehr als 100 Arbeiter, die fast ausschließlich in der Stadt Harburg in Lohn und Brot standen, während die Zahl der Bauern auf 16 zurückgegangen war. Es gab drei Gastwirtschaften: den Rönneburger Park, den Schützenhof und das Haus Zur deutschen Eiche. Der Fischhändler Willi Simon fuhr seine Ware mit dem Ponywagen aus, Schlachter Dittrich lieferte seine Fleischwaren, aus Sinstorf kommend, mit dem Fahrrad aus. Es gab einen Gendarmerieposten und eine „Zustellpostanstalt“. 1937 wurde Rönneburg nach Hamburg eingemeindet.

Flugabwehr auf dem Fuchsberg

Als nur zwei Jahre später der Zweite Weltkrieg begann, hatten die Einwohner schlechte Karten: Die Flugabwehr bezog Stellung auf dem Fuchsberg, und Rönneburg war mehreren Bombenangriffen ausgesetzt. Allein am 4. November 1944 starben dabei mehr als 20 Menschen, fast ausschließlich Frauen und Kinder. Die verzweifelten Rönneburger hatten einen Stollen in den 45 Meter hohen Burgberg gegraben, der als Versteck bei Luftangriffen diente. 1948 wurde er sicherheitshalber gesprengt.

Zahlreiche Flüchtlinge und ausgebombte Hamburger kamen unmittelbar nach dem Krieg nach Rönneburg, um hier eine Bleibe zu finden. Die leer stehenden Flakbaracken vom Fuchsberg wurden als Behelfsheime genutzt, Anfang der 1950er-Jahre wurde dann ein Baustufenplan für die Gegend erstellt.
„Dem einsetzenden Landschaftsschutz ist es wohl zu verdanken, dass das zwischen sanften Hügeln am Fuße des Burgberges liegende Dorf von hässlichen Hochhäusern verschont geblieben ist“, schreibt Rönneburg-Chronistin Irene Schmidt.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 19.09.2018