Neuland - Eine kleine Welt für sich

Alte Harburger Elbbrücke
HA

 

In Neuland ist noch alles möglich. Der ungewöhnliche Stadtteil im Bezirk Harburg ist ein Filetstück auf der Landkarte und hat einen eindeutigen Charakter.

 

Fläche in Quadratkilometer: 10
Einwohner: 1571
Wohngebäude: keine Daten
Wohnungen: keine Daten
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: keine Daten
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: keine Daten
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

Sagen wir doch, wie es ist: Einige Hamburger Stadtteilnamen sind eher unromantische Gebrauchsgegenstände. Hamm, Horn, Cranz? Bei Einsilbern wie diesen ist, poetisch betrachtet, nicht so wahnsinnig viel zu holen oder hineinzuinterpretieren. Aber Neuland? Ganz andere Namens-Liga, völlig anderer Tonfall. Das zergeht auf der Zunge, das klingt nach Weite, Freiheit, nach "Go west, young man!", offenem Himmel und Entdeckerfreude. "Was ist ein Name", heißt es in Shakespeares "Romeo und Julia". Eben. Wo Neuland ist, ist noch alles möglich. Wo Neuland ist, da lass dich nieder, fade Menschen singen woanders Lieder.


Hamburgs Neuland liegt, wie viele dort finden, praktisch mittendrin im Stadtgebiet und ist dennoch, wie es sich für Geheimtipps gehört, bestens versteckt. So gut, dass wir an der Ausfahrt vom Schießstand des Schützenvereins fast ein phlegmatisch herumspazierendes Huhn überfahren hätten. Eigentlich kein Wunder: Hier gebe es mehr Tiere als Menschen, hieß es bei ersten Informationstelefonaten.


Klare Grenzen, eindeutiger Charakter


Theoretisch und kommunalpolitisch gehört Neuland durch das Groß-Hamburg-Gesetz seit 1937 zu Hamburg, in der Praxis ist es nach wie vor ein Weltchen für sich. Mit klaren Grenzen und eindeutigem Charakter. Auf der Landkarte ist dieser Stadtteil ein Filetstück in bester Lage, wenn auch nicht soganz nach jedermanns Geschmack. Eher etwas für Gourmets.


Die Westgrenze nach Harburg bilden die Eisenbahngleise, direkt dahinter wird es, verglichen mit Neuland selbst, ungemein hektisch. Dank der Autobahntrasse gibt es eine Art West-Neuland und ein Ost-Neuland -- mit kleinen, feinen Unterschieden in der Mentalität und auch im Straßenbild. Der Teil westlich der A 1 ist geprägt von Fachwerk-Fassaden und dem Gewerbegebiet Großmoorbogen. Außerdem lockt hier der Neuländer See, ein Baggersee mit einer Wasserski-Seilbahn; gleich zwei Attraktionen, die viele Hamburger gern nutzen. Östlich geht es rustikaler und noch ländlicher zu.


Wohnen wie auf Halligen


Im Norden fließt die Süderelbe, der Rest, garniert mit sechs Windrädern, grenzt im Süden an Gut Moor und im Osten an Niedersachsen. Besonders apart macht sich das in der Fünfhausener Straße bemerkbar. Ihren Namen verdankt sie den fünf alten Häusern, die -- wie man es sonst nur von Halligen kennt -- auf sogenannten Wurten stehen, leicht erhöht, falls doch mal wieder das Wasser ungebeten zu Besuch kommt. Ihre schönste Besonderheit ist nur auf Behördenpapier sichtbar: Bei einigen Häusern läuft die Landesgrenze quer über die Grundstücke. Tritt man vors Haus, ist man in Hamburg, doch geht man in den Garten, steht man in Niedersachsen. Es gab Firmen, die das nutzten, um Gewerbesteuer zu sparen.

Weil Neuland so nah ans Wasser gebaut ist, müssen sich die wenigen Menschen und das viele Feuchte miteinander arrangieren. Das Haltestellenschild vom 149er-Bus trägt den Zusatzvermerk "Sammelpunkt bei Sturmflut" -- eine Vorsichtsmaßnahme: Nach der Flut im Februar 1962 will man hier besser vorbereitet sein. Der alte Deich brach damals an einigen Stellen, als bleibende Erinnerung daran haben manche Hausbewohner nun Bracks, kleine Teiche, vor ihrer Tür. Der neue Deich ist höher, sicher ist sicher.


Wasserstand immer im Blick


Damit im Moor- und Marschland von Neuland der Wasserstand seine Ordnung hat, wird der Neulander Schleusenverband aktiv. Die Mitgliedschaft ist für alle Grundbesitzer Pflicht, die rund 600 Mitglieder haben darauf zu achten, dass die Wettern, die flachen Gräben auf ihren Grundstücken, sauber und verstopfungsfrei bleiben. Eine ganz besondere Rolle kommt dabei dem Schleusenwart zu, der, wenn es sein muss, mehrmals täglich den Wasserstand dieser Gräben zu regulieren hat.
Die andernorts übliche Infrastruktur des täglichen Bedarfs ist für Neuland schnell erzählt. Es gibt sie nicht. Es gab mal Tante-Emma-Läden, es gab schmucke Lokale mit Deichblick. Es gibt keine Kirche, keine Apotheke, keine Dönerbude, kein Schuhgeschäft, noch nicht mal eine Eisdiele. Man hatte mal einen eigenen Polizisten, der im früheren Rathaus einquartiert war und sein Dienstzimmer beim Nachbarn hatte; heute schaut ein Bünabe (bürgernaher Beamter) aus Harburg vorbei und nach dem Rechten. Dafür gibt es eben: Neuland. Nicht viel, gerade genug, damit sich die Einheimischen wohlfühlen, während der Rest der Welt sie hier in Ruhe lässt. Was man so benötigt fürs Leben, bekommt man im Rest der großen Stadt.


Wer hier lebt, der will nicht weg


Im sehr diskret pulsierenden Zentrum am Neuländer Elbdeich hat man alle Sensationen in Steinwurfweite voneinander entfernt. Die Grundschule gehört dazu, sie ist mit 115 Schülern, von denen zwei Drittel aus den niedersächsischen Nachbargemeinden kommen, die drittkleinste Hamburgs (Neuwerk und Cranz bieten weniger) und hat einen kleinen Schulzoo. Neben der Eingangstür erinnert eine Plakette auf Wadenhöhe an den Wasserstand bei der Jahrhundertflut, neben der Zufahrt steht ein Sandsackdepot zur Deichverteidigung. Nebenan kicken die Spieler des TSV Neuland auf dem Fußballplatz und auf Bezirksliganiveau. Das Vereinsheim neben der Seitenauslinie trägt den Namen "Grotte", sieht aber nicht so aus, womit bewiesen wäre, dass die Neulander zur Selbstironie fähig sind.


In unmittelbarer Nähe der nächste Superlativ: der älteste Baum der Stadt, eine auf über 850 Jahre geschätzte Eibe, die 1936 zum Naturdenkmal erklärt wurde. Der Stamm ist so gut wie hohl und wird durch ein Metallkorsett in Form gebracht, doch das Grün macht überhaupt nicht den Eindruck, dass man es hier mit einer morschen Antiquität zu tun hätte.


Neuland ist ein Lebensgefühl


Eine weitere historische Spezialität ist die "Neuländer Communion". An jedem 2. Februar seit 1296 treffen sich die symbolischen Nachfahren der ersten Besiedler, um zu Ehren von Herzog Otto II. von Braunschweig-Lüneburg zu essen und zu trinken. Bei dieser Gelegenheit müssen die Pächter der Ländereien ihre Pacht bezahlen.

 

Neuland historisch

Solche Politiker müsste es heute geben: Als Herzog Otto II. von Braunschweig-Lüneburg („der Strenge“) 1296 die Marschensiedlung Lewenwerder gründete, verlieh er potenziellen Siedlern eine ganze Reihe von Privilegien, die ihresgleichen suchten. Die Bewohner mussten relativ niedrige Abgaben zahlen, außerdem wurde ihnen Zollfreiheit auf unterschiedliche Waren gewährt. Sie unterstanden auch nicht dem herzoglichen Vogt und konnten ihren Richter selbst wählen.


15 Taler für abgeschlagene Gliedmaßen


Die selbstständige Gerichtsbarkeit brachte dann einige kuriose Urteile mit sich: Wer einen Menschen erschlug, musste 30 Taler zahlen, eine abgeschlagene Gliedmaße kostete den Verursacher15 Taler. Hausfriedensbruch oder Notzucht dagegen wurden „an Leib und Leben“ geahndet. Wer ein Jahr nach der Ansiedelung unverdrossen immer noch da war, erhielt ein Stückchen Land. 26 Parzellen wurden schließlich vergeben, Nummer 27 war „Aller Landleute Land“ und stand unter gemeinschaftlicher Nutzung.


Aus der Verwaltung der Ländereien entstand im 17. Jahrhundert die Neuländer Communion, und von 1332 an ist dann von Neuland die Rede. Dieser Name ist in der Vergangenheit auch immer wieder mit anderen Gegenden gleichgesetzt worden, zum Beispiel mit dem inzwischen verschwundenen Lauenbruch, aber die Gleichung Lewenwerder = Neuland hat sich inzwischendurchgesetzt. Der Herzog verfolgte offenbar das Ziel, die sumpfige, unwegsame Gegend besiedeln zu lassen, aber nicht mit irgendwem. Die Neusiedler galten als Verbündete, die ihm treu ergeben waren und ihn vor Gesindel schützten, das sich irgendwo im Unterholz niederlassen wollte. Die Großzügigkeit des Herzogs soll dazu beigetragen haben, dass die damaligen Neuländer Bauern und Fischer sehr wohlhabend wurden und sogar silbernes Geschirr besaßen.


Das Verhältnis zum Herzog und seinen Nachfahren blieb – wie geplant – positiv, und in Neulands Geschichte finden sich immer wieder Anekdoten, in denen die Neuländer irgendeinen Herzog vor Verfolgern beschützen, ihm zur Flucht verhelfen, oder sein Leben auf welche Art auch immer retten. Die Neuländer waren stolz auf ihre Privilegien und führten ihren Sonderstatus bei Streitigkeiten immer wieder ins Feld. Das geschah zum Beispiel, als sie sich 1736 bei der Kriegskanzlei Hannover über Eingriffe des Amtes Harburg in ihre Rechte beschwerten. Das Original der herzoglichen Urkunde von 1296 ist übrigens seit Mitte des 18. Jahrhunderts verschollen – seitdem müssen Abschriften herhalten. Die Eingemeindung nach Harburg erfolgte 1888, 1937 wurde Neuland Stadtteil.


Von Siedlungen nachhaltig geprägt


Im Zuge der Industrialisierung siedelten sich dann immer mehr Arbeiter an. Es ist ein merkwürdiger Zufall, dass Teile von Neuland, das ja einst als ungewöhnlich wohlhabend galt, seit den 1930er-Jahren Siedlungsgebiet für besonders Bedürftige war. Die Siedlung Wohlersweg wurde von 1932 an, dem Jahr der Grundsteinlegung, errichtet, nachdem eine Erbengemeinschaft drei Wiesen(zehn Hektar Land) verkauft hatte. Die 77 Parzellen wurden nur an Ehepaare abgegeben – fast alle waren zunächst ohne Arbeit. Die einfachen Häuser im Fachwerkstil wurden alle gleich aufgeteilt: Im Keller hatten sie Stall, Waschküche und Plumpsklo, darüber Küche, Schlaf- und Wohnraum. Als Selbstversorger mussten die Siedler Schweine und Hühnerzucht betreiben und beim Bau kräftig mithelfen. Da kaum jemand die 2000 Reichsmark Anzahlung für sein Grundstück aufbringen konnte, mussten stattdessen Arbeitsstunden im Gegenwert abgeleistet werden.


Prägend für den Stadtteil war auch die Siedlungsgemeinschaft Neuland, deren Gelände bis 1951 an Schrebergärtner verpachtet war. Danach wurde das Gelände zum Verkauf angeboten. Viele der neuen Siedler, zumeist Heimatvertriebene, rüsteten die Lauben auf und nutzten sie als Wohnhaus, andere bauten neu. Obwohl die Siedler von Anfang an Einzelsteuer für die Parzellen zahlten, wurdeihnen lange nur ein Nutzungsrecht zugestanden. Beide Siedlungen waren in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder von Auflösung und Abbruch bedroht, doch davon ist inzwischen keineRede mehr.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 19.09.2018