Eißendorf - Ein Ort der Superlative

Majestätische Aussicht Hotel und Restaurant "Pegasus"
HA

 

Hier steht unter anderem Hamburgs schärfster Imbiss. So "steinig-grau" sich der Stadtteil im Norden gibt, so wunderbar grün ist er im Süden.

 

Fläche in Quadratkilometer: 8,4
Einwohner: 24.324
Wohngebäude: 4264
Wohnungen: 12.041
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 307
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 2123
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Daten: Stand 2016/2017)

 

"Wo die Göhle rauscht, wo die Eichen steh'n, vom Broock bis zur Höhe, Eißendorf, wie bist du so schön." Ob der salbungsvolle Reim des Rittmeisters Ferdinand Moje aus den Goldenen Zwanzigern noch überall gilt, darf bezweifelt werden. Zwar verströmt das Göhlbachtal noch immer ländliche Idylle. An die südliche Flanke schmiegen sich ausgedehnte Kleingartenanlagen. Und oberhalb des Reiherhoopwegs grasen sogar drei putzige Angus-Kälber. Doch die zunehmende Industrialisierung ausgangs des 19. Jahrhunderts hat ihre Spuren hinterlassen.

Zu trauriger Berühmtheit gelangte Eißendorf im Zusammenhang mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Denn Mohammed Atta und zwei weitere Todespiloten wohnten seit 1998 als Studenten an der Marienstraße 54. Ansonsten aber ist dieser Stadtteil völlig unspektakulär. Kein Großbetrieb, keine Hochschule, kein Krankenhaus, kein Museum, keine Nobelgastronomie. Das mag auch der Grund dafür sein, warum Eißendorf von vielen nur als Transitterrain wahrgenommen wird. Auf den beiden langen Magistralen Bremer Straße und Ehestorfer Weg/Eißendorfer Straße gelangt der Eilige rasch von der Autobahn 7 und dem schönen Rosengarten ins Oberzentrum der Süderelberegion Harburg. Oder eben retour.

Als die Bauern Napoleon trotzten

Das war schon früher so. Alles, was Napoleon I. während der französischen Besatzungszeit zu Beginn der zweiten Dekade des 19. Jahrhunderts interessierte, war der Bau einer großen Heerstraße für den zügigen Truppentransport gen Osten -- die heutige Bremer Straße. Dafür sollte seine Armee auch Arbeitskräfte aus Eißendorf rekrutieren. Doch die renitenten Bauern wussten sich zu wehren. Statt kräftiger Knechte entsandten sie "nur Kinder, ohnmächtige Weiber und kümmerliche Personen", wie ein Chronist notierte. Dieser Umstand hat die Franzosen offenbar so entrüstet, dass sie im März 1814 die Reste des Dorfes brandschatzten. Da hatten sich die Bauern aber längst in die Wälder der Umgebung zurückgezogen.

Erst Mitte des 19. Jahrhunderts entstand Eißendorf an gleicher Stelle neu. Im sogenannten Verkoppelungsprozess wurde das Land an die Bewohner verteilt. Der Viehbesitz bestimmte die Größe des jeweiligen Anteils. So entstanden Höfe mit prächtigen Fachwerkbauten, die heute aber nur noch rudimentär im Göhlbachtal erhalten sind.

Mit der Beschaulichkeit war es vorbei, als das expandierende Hamburg Eißendorf als ideales Bau- und Siedlungsgebiet entdeckte. In Windeseile entstanden rund um die Eißendorfer Straße große Wohnblöcke, Quartiere für die Arbeiter der in Harburg wachsenden Industriebetriebe. Der Urnenfriedhof der Langobarden wurde bebaut, ebenso wie 1929 der alte Exerzierplatz. Das rumplige Kopfsteinpflaster musste breiten, modernen Straßen weichen. Mit ihnen verschwanden auch viele alte Kiefern und knorrige Kastanien.

Der Durchschnitts-Eißendorfer ist im Prinzip ein bodenständiger, unaufgeregter und toleranter Zeitgenosse, der zumeist in sich selbst ruhe. Das mag auch daran liegen, dass er beim Einkauf von Nahrungs- und Genussmitteln getrost mal was vergessen kann. In kaum einem anderen Hamburger Stadtteil ist die Dichte an Kiosken höher als in Eißendorf.

Grau im Norden, grün im Süden

Zur allgemeinen Gelassenheit der hiesigen Bewohner dürfte noch ein weiterer Wohlfühlfaktor beitragen: So "steinig-grau" sich der Stadtteil im Norden gibt, so wunderbar grün ist er im Süden. Fast die Hälfte seines Territoriums entfällt auf den Eißendorfer Forst. Der umfasst 520 Hektar Wald, in dem es 50 Kilometer Wanderwege, 15 Kilometer Reitwege und sogar ein Feuchtbiotop gibt. Viele neue Routen speziell für Nordic Walker, Skater und Mountainbiker entstehen im Zuge der Umsetzung des Regionalpark-Konzepts Rosengarten.

Vielfältiger könnten Flora und Fauna so stadtnah kaum sein. Im Eißendorfer Forst finden sich Kiefern, Buchen, Fichten, Eichen, Douglasien, Birken und Lärchen. Zu dem komplexen Lebensraum gehören aber ebenso Rehe, Wildschweine, Füchse, Dachse und Marder sowie die selten gewordenen Schwarzspechte und Hirschkäfer.

Größter Kirchenfriedhof des Nordens

Eine weitere grüne Oase Eißendorfs ist der Neue Friedhof an der Bremer Straße. Als er am 15. Mai 1892 eingeweiht wurde, befand er sich noch zwei Kilometer "außerhalb der Stadt". Heute liegt er praktisch mittendrin. Mit einer Fläche von 32 Hektar ist er der größte kirchliche Friedhof Norddeutschlands. Und einer der schönsten. Die meisten Wege ziehen sich nicht rechtwinklig, sondern in weiten Schwüngen durch die parkartige Anlage mit vielen heimischen Sträuchern und Bäumen. Zwischen Bremer Straße und Beerenhöhe liegen immerhin respektable 30 Meter Höhenunterschied.

Ruhe kann man zwischen den mehr als 40.000 Grabstellen und den bis zu fünf Meter hohen Rhododendren und Azaleen fast überall finden, während auf der Bremer Straße der Verkehr fast 24 Stunden am Tag durch den Stadtteil tost. Inne gehalten wird dort allenfalls an der legendären Bruzzelhütte. Der Imbiss bietet die schärfsten Currywürste Deutschlands. Dort hat es schon manch gestandenem Mannsbild buchstäblich den Atem verschlagen. Hier ist Eißendorf wirklich heiß.

 

Eißendorf historisch

Das 1332 erstmals erwähnte Dorf bestand 1667 aus sechs größeren Höfen und elf kleinen. Und gehörte zunächst lange zum Kirchspiel Sinstorf. Um 1885 hatte das zwischen Hügeln eingebettete Dorf rund 800 Einwohner. Das Vereinsleben wurde und wird hier hochgehalten. Die Chronik des Eißendorfer Schützenvereins von 1878 erzählt viel von der Geselligkeit und den Vergnügungen, die es hier während der Kaiserzeit gab – einige Fakten: Die Gründung des „Clubs Freundschaft“ erfolgte – wie konnte es anders sein – in Sahling’s Gasthaus, damals wichtigster Treffpunkt vor Ort. Man musizierte zusammen und spielte als „Kameruner Kapelle“ öffentlich zum Tanz auf.

Offenbar in Anlehnung an die Kleiderordnung in der damaligen deutschen Kolonie trugen die Schützen „Kameruner Hüte“, die einseitig hochgeklappt waren. Schon seit 1898 gab es dann die grünen Joppen, die zu einem Erkennungszeichen avancierten. 1898 schloss sich die Liedertafel „Eintracht“ dem Club an. In den 1890er-Jahren gab es noch einen weiteren Schützenverein am Ort, und wegen der Konkurrenz sprachen die Eißendorfer scherzhaft von „Buren und Engländern“.

1908 vereinigten sich beide Gruppen, und aus dem „Club Freundschaft“ wurde endgültig der noch heute bestehende Schützenverein, dessen jährliches Vogelschießen (im Mai beziehungsweise Juni) inklusive Zapfenstreich im Göhlbachtal immer noch ein großes Fest ist. Sahling’s Gasthaus brannte übrigens 1912 ab und musste neu erbaut werden.

Auch schon alt: der Neue Friedhof

Von 1885 bis 1905 stieg die Zahl der Einwohner im Zuge der Industrialisierung stark: von 799 auf 3051. 1901 wurde eine Pfarrstelle eingerichtet, die Gemeinde 1904 selbstständig. 1905 begann man mit dem Kirchenbau, und im April des folgenden Jahres feierte Eißendorf die Einweihung der Luther-Kirche, die 1930 ein Gemeindehaus erhielt.

Nebenan in Harburg ging es steil bergauf, und mit dem starken Bevölkerungsanstieg (und den entsprechend vielen Sterbefällen) reichte der alte Friedhof am Krummholzberg nicht mehr aus. 1892 wurde nördlich der Bremer Straße der Neue Friedhof eröffnet. Heute ist hier natürlich vieles alt, und beim Gang durch die Gräberreihen lassen sich einige interessante Fakten aus Harburgs stolzer Stadtgeschichte, zum Beispiel aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, nachlesen.

An anderen Stellen wird an zivile Bombenopfer, Zwangsarbeiter und andere Opfer der NS-Diktatur erinnert. 1910 ein entscheidender Schritt: Eißendorf wurde aus dem Landkreis in die Stadt Harburg eingemeindet und galt fortan als Stadterweiterungsgebiet. Als (damalige) Großsiedlung errichtete die Gemeinnützige Baugenossenschaft „Wohnungskultur“ den Adolf-von-Elm-Hof, der in mehreren Architekturführern Hamburgs erwähnt wird. 1937 wurde Eißendorf als Teil von Harburg-Wilhelmsburg nach Hamburg eingemeindet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten hier viele ausgebombte Hamburger eine Bleibe gefunden. 22 Kleingartenkolonien sind für das Jahr 1950 verzeichnet, von denen die meisten im Laufe der Jahre für den Haus- und Wohnungsbau weichen mussten.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 19.09.2018