Gut Moor - Ein Naturidyll, das Menschen und Störche schätzen

Ehemaliger Schützenhof Großmorrdamm 223
Klaus Bodig/HA

 

Die Augen sehen Land, die Ohren hören Stadt. Und Grenzen gibt es hier nur auf dem Papier.

 

Fläche in Quadratkilometer: 1,97
Einwohner: 133
Wohngebäude: keine Daten
Wohnungen: keine Daten
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: keine Daten
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: keine Daten
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schlewig-Holstein, Stand 2016)

 


Gut Moor? Wo ist das denn? Nur wenige Hamburger können das kleine Anhängsel im östlichen Harburg lokalisieren, am wenigsten wohl jene, die nördlich der Elbe wohnen. Der Mini-Stadtteil geht auf das 17. Jahrhundert zurück. Damals, im Jahr 1630, schenkte der Harburger Herzog Wilhelm das umfangreiche freie Gut Moor seinem Kanzler (Regent von Harburg) J. von Drebber. An die Domäne Kanzlershof erinnern heute noch der Kanzlershofer Weg und eine kleine Siedlung, die noch den Namen trägt und heute zum Nachbarstadtteil Rönneburg gehört. 1937 wurde Gut Moor mit Harburg und Wilhelmsburg durch das Groß-Hamburg-Gesetz der Stadt zugeschlagen.

Wie Perlen an einer Kette reihen sich die Gutshäuser und Höfe der landwirtschaftlich geprägten Siedlung entlang des Großmoordamms auf. Einstmals Dorfstraße, ist der Damm heute eine viel befahrene Verkehrstrasse, die zu den niedersächsischen Orten Bullenhausen, Over und Meckelfeld führt. Der Straßenverkehr setze der Siedlung zu, klagen die alteingesessenen "Moorer". Sie stellen etwa die Hälfte der 133 Einwohner von Gut Moor. Schon immer teilte der Großmoordamm auf einer Länge von gut zwei Kilometern die Siedlung in eine nördliche und eine südliche Hälfte, war aber gleichzeitig die Lebensader des Dorfes.

Lärmteppich über Feuchtwiesen

Viel deutlicher und von keinerlei Nutzen für die Bewohner ist die Ost-West-Teilung: Mitten durch den knapp zwei Quadratkilometer kleinen Stadtteil führt die Autobahn 1 und sorgt für einen immerwährenden Lärmteppich, der sich über die Feuchtwiesen legt. Der alte Schützenhof im Westteil des Straßendorfes war bis in die 1970er-Jahre der Magnet einer ganzen Region. "Wir haben dort, bei Willuhn, viel gefeiert, auf den Tischen getanzt", heißt es etwa im fünf Kilometer entfernten Bullenhausen (Niedersachsen).

Die Landesgrenze ist hier im wahrsten Sinne fließend: Zum einen verläuft sie oft entlang der großen Entwässerungsgräben (Wettern), zum anderen besteht sie nur auf dem Papier, nicht aber in den Köpfen der Menschen. Dort bleibt Gut Moor eines von vier Moordörfern, die 1937 auseinandergerissen wurden. Damals bildeten Groß Moor, Klein Moor, Hörsten und Gut Moor eine Einheit -- nur das am westlichsten gelegene Gut Moor wurde Hamburg einverleibt. Doch ansonsten lebt die traditionelle Dorfkultur weiter: Im Schützenverein Moor treffen sich noch immer die Bewohner der vier Moordörfer.

Bei der Freiwilligen Feuerwehr Moor werden gemeinsam Brände bekämpft, obwohl Gut Moor formal dem Stadtteil Rönneburg zugeordnet ist. Ein Brand wird alljährlich selbst gelegt: Das Osterfeuer bildet mit dem Schützenfest den gesellschaftlichen Höhepunkt des Jahres. Die Flammen lodern vor dem Gemeinschaftshaus, in dem Schützen und Feuerwehrleute untergebracht sind. Es steht in Groß Moor, am Großmoordamm.

Der Festplatz vor dem Gemeinschaftshaus ist gleichzeitig Endstation des 249er-Busses -- mit seiner Fahrzeit von zehn Minuten ab Bahnhof Harburg zum Endpunkt wohl eine der kürzesten Linien Hamburgs. Drei von den sechs Haltestellen der Strecke heißen Großmoordamm, sortiert nach den Hausnummern 121, 181 und 223.

Patchwork auf dem Großmoordamm

Der Fest- und Wendeplatz vor dem Gemeinschaftshaus ist zugleich die letzte Rettung für Lkw-Fahrer, die in Harburg nicht realisiert haben, dass der Weg zur Autobahn 1 nach links abzweigt, und fälschlicherweise geradewegs auf den Großmoordamm gerieten. Bis Niedersachsen bietet er Brummis keine Wendemöglichkeit.

Die Landesgrenze werden Auto- und Radfahrer schnell gewahr: Auf Hamburger Seite ist der Damm ordentlich asphaltiert, doch am Ortsrand von Groß Moor beginnt eine x-fach ausgebesserte Buckelpiste mit unterschiedlich hellen und dunklen Asphaltpflastern -- Patchwork im Straßenbau.Naturfreunde kennen eine zweite Grenzmarkierung: das Storchennest auf dem Strohdachhaus Großmoordamm 276 an der einzigen Kreuzung weit und breit. Seit Generationen brüten Störche auf dem 1806 errichteten, ehemaligen Fachwerkhaus, erzählt man sich in Gut Moor.

Viele Jahre waren die Gut Moor-Störche das einzige Hamburger Brutpaar südlich der Elbe. Seit einigen Jahren leistet ihnen das "Budni-Paar" Gesellschaft, benannt nach der Drogeriekette, die vor rund 15 Jahren Geld für ein Naturschutzprojekt gab, das für die Störche im Nachbarstadtteil Neuland ein Feuchtwiesenareal mit einem großen Gewässer geschaffen hat.

Hier sei das beste Wiesenvogelbrutgebiet Hamburgs entstanden, lobt der Umweltverband BUND, der die Fläche betreut. Inzwischen legte die Stadt nach, kaufte 140 Hektar Wiesengrund als Ausgleichsmaßnahmen für andernorts zerstörte Natur und verpachtet ihn mit Naturschutzauflagen. Das Feuchtwiesenareal erstreckt sich über Teile von Neuland und Gut Moor; einen Teil davon betreut die Stiftung Ausgleich Altenwerder. Auf den naturnahen Wiesen im südlichen Bereich residierte in den vergangenen Sommern sogar der Wachtelkönig.

Das Sterben der Landwirtschaft

Traditionell weideten auf den Wiesen Milchkühe. Heute sieht man im Sommer neben kleinen Rindergruppen vereinzelt auch Schafe oder Pferde und ganzjährig absolut furchtlose Rehe, die stoisch auf freier Wildbahn äsen. Die nährstoffarmen, nassen Moorböden machten es der Landwirtschaft schon immer schwer. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam dann der endgültige Niedergang. Wenn ein Bauer in den Ruhestand ging, ging mit ihm der Betrieb. Die kleinen Höfe konnten sich in der EU-finanzierten Agrarindustrie nicht halten. Im August 2010 schloss mit der Blumengärtnerei der letzte erwerbsmäßige Gartenbaubetrieb in Harburg.

 

Gut Moor historisch

Zur Initialzündung für die Urbanisierung der ganzen Gegend wurde der Bau des Seevekanals anno 1540 quer durch das Meckelfelder Moor auf Veranlassung des Harburger Herzogs Otto I. Die sich daran anschließende Kultivierung der rauen Moorlandschaft erwies sich als Voraussetzung für die Bildung von Gut Moor und auch Rönneburg.

Die wasserreiche, relativ niedrig liegende Gegend war im Laufe der Jahrhunderte immer wieder schweren Überschwemmungen ausgesetzt gewesen. Der verheerenden zweiten Marzellusflut („Manntränke“) beispielsweise, von der 1362 die gesamte Küstenregion und ihr Hinterland heimgesucht wurden und der mehr als 100.000 Menschen zum Opfer gefallen sein sollen, hatten die einfachen Moordeiche nirgendwo standgehalten. „Danach reichte das erste Mal seit der Eiszeit die Nordsee bis an die Geest“, heißt es in einer Quelle.

Noch lange nach der Besiedelung von Gut Moor litten die Menschen dort auch weiterhin unter Deichbrüchen – vor allem im 19. Jahrhundert. Eine schwere Sturmflut ist unter anderem für den Februar 1825 verzeichnet. Die Flut vom 5. bis zum 8. Dezember 1895 erstreckte sich über sechs Tiden, 60 Stunden lang habe der Westwind mit unverminderter Heftigkeit geweht, notierten Zeitzeugen. 1839 wurden für Gut Moor 14 Hausstellen gezählt, 1885 folgte die Eingemeindung nach Harburg.

Zum sommerlichen Baden ging man übrigens zum Seevekanal, der von der Seeve bei Hörsten abzweigt und über Harburg in die Elbe geleitet wird. Wie viele Kinder aus Gut Moor dort das Schwimmen gelernt haben, wurde nicht überliefert. Fakt ist aber, dass die Strömung stark war, das Baden wegen der geringen Wassertiefe aber als ungefährlich galt.

Die Bebauung auf dem Untergrund Gut Moors erwies sich als sehr schwierig, und alten Quellen zufolge mussten zunächst Pfähle in den Boden gerammt werden, bevor ein Haus errichtet werden konnte. Auf alten Fotos ist deutlich zu erkennen, dass Wohnhäuser und Stallgebäude häufig abgesackt oder von Rissen durchzogen waren.

Milchlieferant nach Harburg

Doch das Leben vor Ort war nicht nur beschwerlich. Die moorigen Böden entwickelten sich wesentlich fruchtbarer als in Gegenden wie zum Beispiel Bahrenfeld, wo die Bauern sogar noch zupachten mussten. Die Bedingungen für die Viehhaltung waren entsprechend gut und der Milchhandel eine wichtige Einnahmequelle für Gut Moor.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert waren im Umkreis der großen Städte immer mehr landwirtschaftliche Flächen verkauft und bebaut worden, zugleich stieg die Nachfrage nach frischer Milch weiter an. Wer seinen Milchhof behalten hatte, konnte recht gute Geschäfte machen.

Anders als die Milchbauern aus Moorburg oder Altenwerder mussten die Bauern aus Gut Moor ihre Ware nicht per Milchewer oder – später – Milchdampfer auf die andere Elbseite transportieren, sondern fanden ihre Kundschaft direkt nebenan in der aufstrebenden Stadt Harburg. Weitere Abnehmer waren die vielen Ausflugslokale, die im gesamten Elberaum starken Zulauf hatten.

Einst hatte Gut Moor zusammen mit Orten wie Friesenwerder Moor und Hörsten zum Brandmeisterdistrikt „Moordörfer“ gehört. Nach der Eingemeindung nach Hamburg (1937/38) wurde die freiwillige Feuerwehr des benachbarten Rönneburg auch für Gut Moor zuständig.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 19.09.2018