Altenwerder - Drei Einwohner und Millionen Stahlkisten

Container Terminal Altenwerder
Berndt Rättger

 

Wer die unterschiedlichen Welten Altenwerders erleben möchte, kann alles auf einem kurzen Spaziergang durch den Stadtteil vereinen.

 

Fläche in Quadratkilometer: 6,8
Einwohner: 3
Wohngebäude: keine Daten
Wohnungen: keine Daten
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: keine Daten
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: keine Daten
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

Die Kirche kennt wohl jeder Hamburger. Zumindest, wenn er schon einmal auf der Autobahn 7 aus Süden kommend auf den Elbtunnel zugefahren ist. Rechts der Autobahn ragt der rote Backsteinturm über den grünen Bäumen empor. Kein Haus steht weit und breit daneben. Wenn man sie sieht, weiß man: Gleich bin ich zu Hause.

Das ist ein wenig grotesk, denn die Kirche erinnert gleichzeitig an mehr als 2000 Hamburger, die ihr Zuhause verloren haben. Sie ist das Überbleibsel des historischen Fischerdorfes Altenwerder, dessen letztes Haus 1998 dem Hafen weichen musste. Auch wenn die Kirche viele Hamburger vom Vorbeifahren (oder vom Blick aus dem Stau) kennen -- besucht haben sie wohl die wenigsten. Dabei ist die 1830 erbaute St. Gertrud in vielfacher Hinsicht einen Besuch wert: Sie ist nicht nur Kirche, sie ist Museum, Mahnmal, Konzertsaal, Treffpunkt einer Exilgemeinde, Café und die einzige Kirche Hamburgs, die nicht der Kirche gehört, sondern -- der Finanzbehörde. Jeweils für zehn Jahre erhält die Gemeinde ein Nutzungsrecht. Der Vertrag wurde jetzt schon zum dritten Mal verlängert.

Die Mitglieder des Fördervereins der Kalten Dorfkirche St. Gertrud veranstalten Führungen, Konzerte und haben ein Heimatmuseum in der Kirche eingerichtet. Im Sommer jeden, ab Oktober jeden zweiten Sonntag wird hier ein Gottesdienst gefeiert -- und anschließend mitten in der Kirche ins improvisierte Kirchen-Café eingeladen. Besonders gut besucht sind Konfirmationen, Taufen oder Hochzeiten. Viele wählen die Kirche, selbst wenn sie nur eine entfernte Beziehung zu ihr haben, weil sie etwas ganz Besonderes ist. Heiligabend wird St. Gertrud zum Treffpunkt der in alle Himmelsrichtungen verteilten früheren Bewohner des Dorfes Altenwerder.

Nur Trauerfeiern gibt es in der Kirche nicht mehr: Die Friedhofsnutzung läuft aus. Beerdigungen darf es keine mehr geben. Schon in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde Altenwerder als Hafenerweiterungsgebiet ausgewiesen. Doch erst die Einführung des Containers nach dem Zweiten Weltkrieg war der Todesstoß für Altenwerder.

Ein Job in 54 Meter Höhe

Als Thomas Koch nach Altenwerder kam, war das Dorf Geschichte. Die Abrissbagger hatten es dem Erdboden gleich gemacht. Koch ist einer der Väter des neuen Altenwerder: Er hat den Container-Terminal Altenwerder (CTA) von 1999 an mit zehn weiteren Mitarbeitern der HHLA entwickelt. "Wir haben uns damals die unterschiedlichen Varianten angeschaut und uns entschieden, einen vollautomatischen, computergesteuerten Terminal zu bauen. So etwas gab es damals auf der ganzen Welt noch nicht", erinnert sich Koch. Viele technische Details wurden von den HHLA-Mitarbeitern selbst entwickelt -- und später an andere Häfen verkauft.

Die führerlosen Containertransporter (sogenannte AGV) auf dem Gelände fahren über ein Raster von Bodenmarken. Der Computer im Fahrzeug berechnet mit zwei Marken, wo er sich gerade befindet -- und wie er weiterfahren muss. Ein Zentralrechner weiß immer genau, wo sich welches Fahrzeug gerade befindet. Ein wahres Abenteuer war der Start des neuen Terminals: Eigentlich sollte der Betrieb über sechs Monate hochgefahren werden. Am 25. Juni 2002 wurde der CTA als modernster Containerterminal der Welt eröffnet.

Den schönsten Ausblick haben die Containerbrückenfahrer, die ihren Job 54 Meter über der Elbe erledigen. Sie steuern die 15 riesigen Containerbrücken in Altenwerder. Das hat viel mit Fingerspitzengefühl zu tun. Durch die Glasscheibe unter dem Sitz können die Spezialisten nach unten auf das Containerschiff schauen und die Stahlboxen exakt greifen oder absetzen.

Sportler halten die Dorfgeschichte hoch

Auch im Sport lebt Altenwerder weiter: Der Freie Turn- und Sportverein Altenwerder von 1918 (kurz FTSV Altenwerder) hat mehr als 600 Mitglieder und bietet neben Fußball auch Turnen, Volleyball und vieles mehr. Seit Ende der 70er-Jahre ist der FTSV zwar in Neugraben zu Hause, doch die Geschichte Altenwerders wird hier weiter hochgehalten.

Geschichte und Moderne, Natur und Technik, Wind und Wasser: Wer die unterschiedlichen Welten Altenwerders erleben möchte, kann alles auf einem kurzen Spaziergang vereinen. Von der Kirche gibt es einen grünen Weg in Richtung Süden. Nach ein paar Hundert Metern geht es hinauf auf den 21,9 Meter hohen Moorburger Berg. Auch wenn man sich hier schon im Nachbarstadtteil befindet - an sich gehört der Berg zu Altenwerder. Denn er wurde beim Bau des CTA aufgeschüttet. Von hier aus hat man einen faszinierenden Blick auf den Terminal.

Wenn man am anderen Ende des Berges hinabgeht, kann man vom Drewer Hauptdeich aus die Kaimauer erreichen. Die riesigen Containerfrachter scheinen zum Greifen nahe. Auf dem Rückweg bietet Altenwerder noch zwei andere Riesen: Die Sechs-Megawatt-Windkrafträder zählen seit 2009 zu den höchsten Bauwerken Hamburgs. Mit 198,5 Metern sind sie fast doppelt so hoch wie die Elbphilharmonie.

 

Altenwerder historisch

Es ist alles noch gar nicht so lange her. Ewer brachten täglich frisch gemolkene Milch nach Hamburg und die Fischer machten ihre Netze klar. Abnehmer gab es überall in der Stadt – bis hinauf zum Hotel Vier Jahreszeiten. In den Gärten blühten die Blumen, am Horizont lag die Stadt mit ihrem Hafen. Marinemaler Johs Holst malte Schiffe, Meer und Wolken – und galt als notorischer Nichtschwimmer. Altenwerder war mal eine Idylle – aber eine lange bedrohte. Den Stadtteil gibt es noch – als Industriestandort. Aus einem intakten Dorf mit schöner, zentraler Lage wurde ein Symbol für die konsequent betrieben Hafenerweiterung.

Vom blühenden zum sterbenden Dorf

Die erste gesicherte Erwähnung Altenwerders findet sich in den Lehenregistern des Klosters Corvey an der Weser aus der Zeit um 1250. Schon damals lebten Menschen in Oldenwerdere, die sich vor allem mit Fischfang beschäftigten. Um 1418 wurde die Insel neu eingedeicht, 1659 erhielt sie eine neue Kirche (die zweite). 1831 wurde dann die klassizistische Kirche St. Gertrud erbaut – heute ist sie mit dem kleinen Friedhof alles, was vom alten Dorf blieb.

Nach Angaben von Altenwerder-Chronist Heinrich L. Ballauf bestand der Ort 1803 aus 133 Wohngebäuden mit rund 1000 Einwohnern, 1925 gab es dort schon 2010 Menschen in 243 Häusern. Die Bewohner von Altenwerder lebten hauptsächlich von Gemüseanbau, Milchwirtschaft und der Fischerei, ihre Produkte verkauften die Bauern, so wie viele andere aus dem südlichen Umland Hamburgs, auf den Märkten der Stadt.

1914 gab es Pläne, die Insel als neues Landhausviertel zu erschließen – daraus wurde leider nichts. Selbst die älteren Hamburger kennen Altenwerder heute vor allem als ein Dorf, das über Jahrzehnte als „sterbend“ bezeichnet wurde und als einen Ort, dessen letzte Bewohner sich verbissen gegen die Zerstörung ihrer Heimat wehrten. 1961 war das Hafenerweiterungsgesetz beschlossen worden, das Altenwerders Schicksal besiegelte, und 1973 entschied der Senat, dass das Dorf zu räumen sei.

1965 hatte man sinnigerweise direkt neben die Kirche noch eine Schule gebaut – für einen zweistelligen Millionenbetrag. „Wo sich reetgedeckte Fachwerkhäuser hinter den Deich ducken, wo in winkeligen Straßen die Zeit stillzustehen scheint, wo sich im braunen Wasser des Köhlbrands die Masten der Fischkutter spiegeln, werden noch in diesem Jahrzehnt riesige Schiffe in neuen Hafenbecken festmachen“, schrieb das Hamburger Abendblatt im November 1973, „Hamburg muss Abschied nehmen von einer der ältesten Siedlungen an der Elbe, von der 2000-Seelen-Gemeinde Altenwerder.“ Die Hauseigentümer wurden von der Stadt finanziell entschädigt, außerdem bot man ihnen Bauplätze in Hausbruch, Neugraben-FischbekCranz und Finkenwerder an.

Der letzte Bewohner verkaufte 1997 sein Grundstück

Anfang der 1970er-Jahre wurden vor Ort 90 Gewerbebetriebe registriert, darunter zwölf Kutterfischer. Sie erhielten Hilfen für die Existenzsicherung und bei Bedarf Unterstützung für Betriebsverlagerungen. Zwanzig Jahre später lebten in Altenwerder nur noch 35 Einheimische, von denen einige noch immer keinerlei Anstalten machten zu weichen. Der letzte Bewohner verkauft 1997 einigte sich die Stadt mit dem letzten Bewohner: Lehrer Werner Boelke, der jahrelang gegen die „Vertreibung“ prozessiert hatte, verkaufte für einen geheim gehaltenen Preis.

Eine anrührende Geste am Rande: Auf Vermittlung des Hamburger Abendblattes wurden dem Amerikaner Oscar Berendsohn 1998 die Eingangstür und ein Ziegelstein seines Elternhauses nach Connecticut gesandt. Der Sohn des ehemaligen Inhabers der 1958 geschlossenen Köhlbrandwerft, Paul Berendsohn, hatte um diese Erinnerungsstücke gebeten. Die Familie war 1940 vor den Nazis in die Emigration geflüchtet, die Tür war 1922 von Berendsohn senior selbst gezimmert worden.

1999 begannen die Bauarbeiten auf der Brache, die einst das Dorf gewesen war: Der damalige Wirtschaftssenator Thomas Mirow startete symbolträchtig eine Ramme, die auf einen Pfahl donnerte – Startschuss für den Bau der neuen Kaimauer. 2002 wurde das Containerterminal Altenwerder (CTA) in Betrieb genommen. Ab jetzt galt die Devise: Alles neu in Altenwerder.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 19.09.2018