Harburg - Die Stadt in der Stadt

Harburg
HA

Bieder war gestern. Innovation, Technologie und eine Uni von Weltrang weisen Wege in die Zukunft.

 

Fläche in Quadratkilometer: 3,9
Einwohner: 26.098
Wohngebäude: 1573
Wohnungen: 12.448
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 283
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 2750
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

"Ich fahre mal eben in die Stadt." Wer nicht in der City, sondern in Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern lebt, kündigt mit diesen Worten gern eine Fahrt nach Hamburg an. Südlich der Elbe heißt es: "Ich fahre mal eben nach Harburg." Hamburg ist weit weg. Tatsächlich nur wenige Kilometer über den Fluss. Doch gefühlt wie in einer anderen Welt. Harburg, das ist genau genommen kein Stadtteil der Metropole, das ist eine Stadt in der Stadt. Das ist ein Stück Niedersachsen auf Hamburger Grund. Das ist ausgeprägter Lokalpatriotismus.


Das Verhältnis zwischen den beiden Schwestern an der Elbe ist schwierig. Doch ohne einander können sie auch nicht. Ohne Harburg wäre die Industrialisierung Hamburgs im 19. Jahrhundert weit schwerfälliger vorangeschritten. Und ohne Hamburg würde Harburg finanziell schon gar nicht klarkommen.

Ursprung und Zukunft am Wasser


Von einer Burg im 12. Jahrhundert über eine glanzvolle Residenzstadt der braunschweigschen Herzöge, das hannoversche Tor zur Welt, den Industrie- und Arbeiterbezirk Hamburgs bis zum Innovationszentrum der Zukunft spannt sich der Bogen der Harburger Geschichte. Jede Epoche hinterlässt ihre Spuren und hat den Stadtteil nachhaltig geprägt. Und wie bei vielen Dingen im Leben liegen auch Harburgs Ursprung und Zukunft am Wasser.


Das unwirtliche Leben auf einem schlammigen Außenposten bei der Kolonisierung der Marschen südlich der Elbe hielten im Mittelalter über lange Jahre wohl nur die Soldaten der Stader Grafen und Bremer Erzbischöfe aus. Ein knappes Jahrhundert tobte der Krieg um die "Horeburg" zwischen den Welfenherzögen und ihren Gegnern aus Stade und Bremen. Mehrfach wechselte die Burg den Besitzer, wurde zerstört und wieder aufgebaut.


Die Welfen behielten ab 1257 die Oberhand und bauten die Festung zum Grenzposten des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg aus. Auch die Sümpfe wurden entwässert, und entlang des Damms, der Burg und Hinterland verband, entstanden die ersten Siedlungen. Der blaue Löwe, Wappentier der Braunschweiger Welfen, ziert noch heute das Harburger Wappen.


Die Burg wurde im 16. Jahrhundert zum Schloss mit Stadtbefestigungsanlage ausgebaut. Die Überreste der Wallanlagen sind heute nur noch aus der Luft zu erkennen, die Schlossinsel hat aus dieser Zeit ihre charakteristische fünfeckige Form. Doch vom ehemaligen Schloss selbst ist nur noch ein Seitenflügel erhalten. Ein weitaus dauerhafteres Relikt der Renaissance ist die Harburger Schützengilde, die ihre Ursprünge als Bürgerwehr und Miliz auf das Jahr 1528 zurückführen kann.
Der jährliche Ausmarsch der Schützen aus dem Harburger Rathaus hin zum Festplatz auf dem Schwarzenberg steht auch immer noch als Symbol für wehrhaftes Bürgertum. Und jeder Hamburger Bürgermeister tut selbstverständlich gut daran, diesem Umstand beim traditionellen Spargelessen der Gilde gebührend Respekt zu zollen.


Narben und Bausünden


Harburg wurde Kreisstadt für den niedersächsischen Landkreis gleichen Namens und blieb es bis zum Groß-Hamburg-Gesetz der Nationalsozialisten 1937. Fortan gehörte Harburg zu Hamburg. Amtssitz im Landkreis wurde Winsen an der Luhe. Wirklich prägend für Harburg war allerdings die Zeit der Industrialisierung. Sie hat dem Stadtteil sein modernes Gesicht gegeben, sie hat die Narben und Bausünden hinterlassen, mit denen sich die Harburger noch heute herumärgern müssen.
Grundlage waren der Ausbau des Binnenhafens und die Anlage einer Eisenbahnstation. Sie machten Harburg zur Konkurrenz für Hamburg, denn die Stadt südlich der Elbe war das Tor zur Welt für das Königreich Hannover. Ähnlich wie Stahl die Stadt Essen geprägt hat, war es auch in Harburg ein Grundstoff, von dem alles ausgegangen ist: Gummi. Es waren Industriebetriebe, die Kautschuk verarbeiteten, und Ölmühlen, die sich im 19. Jahrhundert ansiedelten und für Prosperität sowie Bevölkerungszuwachs sorgten.


Phoenix -- mehr als eine Fabrik


Wer als Profi besonders gute Kämme schätzte, griff auf die Produkte der New York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie zurück, die allerdings 2009 nach Lüneburg abgewandert ist. Reifen für Autos und später für Flugzeuge stellten die Phoenix-Werke her. Und das charakteristische Firmenlogo hat so manchen Gummistiefel geziert. Darüber hinaus entwickelte die Phoenix Antriebsgurte für Maschinen, Förderbandsysteme für den Bergbau und Spezialschläuche.


Und wer Auto fährt, hat mit großer Wahrscheinlichkeit ein Federungssystem der Phoenix eingebaut. Das Unternehmen gehört zwar mittlerweile zum Continental-Konzern, doch neben einem Einkaufscenter und den immer noch imposanten Fabrikgebäuden am Bahnhof, die inzwischen unter anderem die berühmte Falckenberg-Kunstsammlung beherbergen, hat das Unternehmen einem ganzen Wohnviertel seinen Namen gegeben.


Das Phoenix-Viertel ist das multikulturelle Quartier Harburgs, in dem sich auf 400 Meter Straßenlänge leicht fünf bis sechs Läden mit Spezialitäten von Polen bis Thailand finden. Wer Mietshäuser aus der Gründerzeit mag, braucht nicht nach Ottensen zu fahren -- Reinholdstraße, Baererstraße oder Lassallestraße bieten das auch.


Harburgs Industrie und Arbeiter-Wohnviertel waren das Ziel alliierter Bomber im Zweiten Weltkrieg. Als die Trümmer weggeräumt waren, machten sich die Verantwortlichen daran, eine perfekte, autogeeignete Stadt zu planen. Als Folge zerschneidet die Buxtehuder Straße parallel zur Bahntrasse den Stadtteil in zwei Hälften, und der Harburger Ring gibt dem Kern den Rest. Kaum überwindliche Schneisen, die heutige Stadtplaner vor Herausforderungen stellen.


TU als internationales Aushängeschild


Stadtplaner, wie sie zum Beispiel an der Technischen Universität lehren, dem Aushängeschild und Zukunftsgaranten Harburgs. Denn Innovation und Technologie sind die beiden Pfeiler, auf denen der so bieder wirkende Stadtteil tatsächlich ruht. Wer das Harburger Zentrum verlässt und sich über die Brücke oder durch den Fußgängertunnel auf die andere Seite der Bundesstraße 73 begibt, merkt schnell, wohin das führt: in den Channel, das neue Quartier im Binnenhafen, wo jetzt schon eine neue Form von Arbeiten am Wasser angesagt ist. Schauerleute waren gestern, heute sind es Kopfarbeiter.


Und erste Zeichen einer neuen Wohnkultur sind sichtbar, wie sie auch in den Docks von London zu finden ist -- und so ganz anders als in der HafenCity. Kein Luxus aus der Retorte, sondern Moderne und Tradition im Einklang. Dort, wo alles begann: am Wasser.


Harburg historisch

Harburg war bis 1937 eine dynamische, stark industriell geprägte Stadt und danach ein Stadtteil mit einer für Hamburg unverzichtbaren Wirtschaftskraft. Allein über einzelne Harburger Persönlichkeiten und Unternehmen sind viele Bücher geschrieben worden, und Harburg entwickelte sich bis in die heutige Zeit in großem Tempo laufend weiter. Von entscheidender Bedeutung für Harburgs Entwicklung war die Erschließung der Verkehrswege nach Hannover und Hamburg, insbesondere die Eröffnung der Bahnstrecke Hannover –Celle –Harburg im Mai 1847. Die kleineStadt gehörte damals zum Königreich Hannover und hatte um 1800 rund 3000 Einwohner.


Bahnanschluss und Binnenhafen bringen den Aufschwung


Der zwischen 1845 und 49 ausgebaute Harburger Binnenhafen konnte nach der Anbindung an die Bahn zu einem bedeutenden Güterumschlagplatz werden. Binnen weniger Jahre entwickelte sich Harburg zu einem zunächst vor allem für Hannover wichtigen Industriestandort und später (nach 1866) zu einer preußischen Industriestadt. Mit Hamburg hatte es von 1818 an eine regelmäßige Dampfschiffverbindung gegeben, deren Erreichbarkeit im Laufe der Jahrzehnte immer stärker verbessert worden war. Doch wie eine Reisebeschreibung aus dem Jahr 1867 zeigt, konnte eine Überfahrt bei Eisgang mitunter immer noch einen ganzen Tag dauern.

Eine feste Verbindung nach Hamburg gab es erst, seitdem die Eisenbahn-Elbbrücken 1872 fertiggestellt waren. 1899 erfolgte als direkte Straßenverbindung die Eröffnung der „Alten“ Elbbrücke durch Kaiser Wilhelm II., über die drei Jahre später auch die Straßenbahn fuhr. Harburgs Funktion als Drehscheibe zwischen Harburg und Hannover und als gut ausgebaute Hafenstadt lockte binnen weniger Jahre etliche Industriebetriebe an.


1854 hatte der Fabrikant Heinrich Christian Meyer („Stockmeyer“) einen Teil seiner Fabrikationen nach Harburg verlegt. Zwei Jahre später wurde die Harburger Gummi-Kamm-Compagnie gegründet, aus der sich später die New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie entwickelte. Schon 1875 war Harburg ein Industriezentrum mit rund 18.000 Einwohnern und fast 50 Unternehmen. Schwerpunkte bildeten Kautschuk- und Pflanzenölfabriken (Noblée und Thörl), Gummi (Phoenix), Metallverarbeitung (Harburger Eisen- und Bronzwerke) und – später –Mineralölanlagen. Zwischen 1850 und 1900 verzehnfachte sich Harburgs Bevölkerungszahl auf knapp 50 000 Menschen.


Theater, Museum und viele neue Einwohner


Der rasante Aufstieg und der damit verbundene Geldsegen ermöglichten unter anderem den Bau des Harburger Theaters im Jahr 1894 und des Helms-Museums vier Jahre später. Zwischen 1888 und 1892 ließen die Harburger ihr großes neues Rathaus im Stil der Neorenaissance und den Rathausplatz anlegen – als deutliches Zeichen von kommunalem Selbstbewusstsein –, 1897 folgte der neue Harburger Hauptbahnhof.


Die Stadt wuchs mit der Zeit gleichsam in ihre Nachbargemeinden hinein, und Ortschaften wie Heimfeld und Wilstorf wurden schon 1888 eingemeindet. Eißendorf kam erst 1910 dazu. 1904 war mit dem Bau von drei großen Seehafenbecken begonnen worden, was den Untergang des Dörfchens Lauenbruch bedeutete. 1927 wurden Harburg und Wilhelmsburg zu Harburg-Wilhelmsburg vereinigt.


Zwei „Harburgensien“ aus der langen und wechselhaften Geschichte haben sich im Bewusstsein vieler erhalten und verdienen eine genauere Betrachtung: das Harburger Schloss und das HarburgerVogelschießen.


Die Horeburg, von der sich Harburgs Name ableitet, war um 1100 errichtet worden. Zwischen 1527 und 1642 war sie Residenz und wurde zu einem dreiflügeligen Schloss ausgebaut. Die gesamteAnlage wurde 1900 an eine Reederei verkauft und im Laufe der Zeit zum Teil abgerissen oder bis zur Unkenntlichkeit umgestaltet. Heute existiert nur noch das ehemalige Hauptgebäude, das im Kern um 1400 errichtet wurde. Mit einem Schloss hat dieses Mietshaus aber keinerlei Ähnlichkeit mehr, den Namen Schlossinsel können sich Ortsfremde nicht erklären.


Das legendäre Harburger Vogelschießen geht auf Herzog Otto I. zurück, der 1528 Schützenkönigwurde und das erste Königsschild stiftete. 1819 wurde die Schützengilde neu gegründet, nachdem es das Vogelschießen zwischen 1710 und 1818 nicht gegeben hatte. Seitdem wird es wieder jährlich auf dem Schwarzenberg abgehalten – eingebunden in ein munteres Volksfest.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 19.09.2018