Eidelstedt - Spagat zwischen Großstadt und Dorfidylle

Jasminweg in der Lohkampsiedlung
Michael Rauhe

 

Der Stadtteil im Bezirk Eimsbüttel ist heute vor allem eins: Heim und Heimat für Familien, Gartenfreunde und Innenstadtmüde.

 

Fläche in Quadratkilometer: 8,7
Einwohner: 32.403
Wohngebäude: 5061
Wohnungen: 15.766
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 455
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 2775
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

Eine schwarzstämmige Doppeleiche mit 17 goldenen Eicheln, die weiße dreitürmige Burg auf rotem Grund und eine Windmühle - vor dem Blau des Mühlenbaches. Das noch junge Eidelstedter Wappen sagt viel über die Bewohner dieses Stadtteils, der wie ein zerfurchtes Ginkgo-Blatt im Nordwesten Hamburgs hängt, und ihre Identitätssuche: über den Spagat zwischen Großstadtleben, dörflichem Charme und der Nähe zum Nachbarland Schleswig-Holstein, auf dessen Wurzeln man sich hier noch gern besinnt.

Die Eiche steht für den vereinten Kampf von Schleswigern und Holsteinern gegen die Ansprüche der dänischen Könige, die Burg samt Seitentürmen und Mariendom ziert das offizielle Wappen der Hansestadt Hamburg. Und die Windmühle verweist auf die Anfänge Eidelstedts, als die Mühlenrechte Bauern aus allen umliegenden Gemeinden zwangen, ihr Korn an der Mühlenau mahlen zu lassen.

Per "Volksentscheid" erwählt und im Juli 2010 offiziell als Logo anerkannt, soll das Wappen Gemeinschaftssinn stiften. Nicht so leicht in Eidelstedt, dem von vier großen Ausfallstraßen und zwei Autobahnen durchfurchten Blatt. Magistralen - weniger Lebensadern als Schnitte -, die den Stadtteil in völlig unterschiedliche Lebensräume zerteilen.

Brücke mit Königs-Monogramm

Die überraschendste Seite Eidelstedts ist die Feldmark, ein aus der Luft gesehen an der A 7 gestrandeter Wal. Fast ein Drittel der Fläche Eidelstedts macht sie aus. Ruhe- und Erholungsraum, der sich östlich mit dem Niendorfer Gehege vereinigt. Felder, Strauchwerk, Knicks, Weideland, sogar ein Bauernhof prägen eine ländliche Idylle, die so gar nicht zur prosperierenden Hafenstadt zu passen scheint.

Etwas vereinfacht dargestellt folgt westlich, auf der anderen Seite der Autobahn, das alte Siedlungsgebiet. Wer die wenigen noch vorhandenen Zeugnisse des historischen Eidelstedt sucht, findet sie hier: das nach dem Künstler und Architekten August Koyen benannte Haus Koyen am Dörpsweg, letztes reetgedecktes Bauernhaus, gebaut 1793; den dänischen Grenzstein mit der Jahreszahl 1832 an der Holsteiner Chaussee oder die kleine Brücke von 1801 mit dem Monogramm des dänischen Königs Christian VII., die die Kieler Straße über die Mühlenau führt.

Älter noch wird nur die Eiche im zwei Hektar großen Sola-Bona-Park geschätzt, einem ehemaligen Lustgarten. 350 Jahre soll der Baum mit seinem Stammumfang von inzwischen fünf Metern schon erlebt haben. "Sola bona quae honesta" - "Einzig und allein die Dinge sind gut, welche anständig sind" - heißt es in einer Inschrift an der Villa im Park. Das Treiben im Park soll alles andere als anständig gewesen sein. Heute beherbergt das Gebäude eine Kita. Der öffentliche Park ist noch immer das südliche Tor zur Feldmark.

Siedlungen unter Milieuschutz

Eidelstedt, ein Stadtteil im Bezirk Eimsbüttel, ist heute vor allem eins: Heim und Heimat für Familien, Gartenfreunde und Innenstadtmüde. Einige Bewohner leben in der dritten Generation hier, schätzen die gewachsene Nachbarschaft. Endlose Reihen von Einfamilien- und Reihenhäusern bilden einen riesigen Fächer, der unterhalb der Landesgrenze von Holsteiner Chaussee, Pinneberger Chaussee, Lohkampstraße und Elbgaustraße getragen wird.

Mittendrin liegt die mehrfach als schönste Kleinsiedlung ausgezeichnete Lohkampsiedlung: eingeschossige Doppelhaushälften mit Garten an schmalen Stichstraßen, flankiert von Entwässerungsgräben. Sie steht, wie andere schützenswerte Eidelstedter Wohngebiete auch, unter Milieuschutz. Ein Verein kämpft für die Interessen der Bewohner.

Während in der und rund um die Lohkampsiedlung vor allem Ältere wohnen, ziehen die modernen, mehrstöckigen Mühlenauhöfe zwischen Kieler Straße und Feldmark junge Familien an. Die Mieten sind im Durchschnitt niedriger als im Hamburg-Vergleich, auch die Preise für Häuser. Doch nicht alle Wohngebiete sind begehrt: Fast ein Viertel des Bestandes ist sozialer Wohnungsbau. Brennpunkte sind etwa die Hochhaussiedlung Hörgensweg an der gleichnamigen AKN-Station und die noch weiter westlich gelegene Siedlung an der Straße Wildacker.

Das Zentrum von Eidelstedt rund um das gelb getünchte Bürgerhaus - einst Knabenschule, später Sonderschule, heute beliebte Begegnungsstätte - und das bereits in die Jahre gekommene Eidelstedt-Center sind nicht historisch gewachsen: Das Rotklinker-Ensemble stammt zum größten Teil aus den 80er-Jahren.

Immerhin führt es viele Hamburger und Umländer dreimal in der Woche zusammen: Der Wochenmarkt ist über die Grenzen Eidelstedts bekannt und geschätzt. Von seiner großzügigen Verkehrsanbindung mal abgesehen - alle großen Ausfallstraßen enden oder beginnen hier, die AKN-Station Eidelstedt-Zentrum ist fußläufig zu erreichen, der Busbahnhof nimmt den vorgelagerten Eidelstedter Platz vollständig in Beschlag - findet sich alles, was man zum täglichen Leben braucht, außerdem Banken, Ärzte, Post, Cafés, Restaurants und die Bücherhalle. Dennoch: Vielfalt fehlt, ebenso das große Kauferlebnis. Discounter haben alteingesessene Geschäfte verdrängt. Das Quartier sei auf einem schlechten Wege, Herz wie Charakter zu verlieren, wird offen beklagt.

Hier werden ICEs geputzt

Ganz im Süden schließt sich das Gewerbegebiet Eidelstedt an. Begrenzt von den Gleisen der Güterumgehungsbahn, flankiert von Bahrenfeld und Stellingen, bildet es den etwas zu mächtig geratenen Stiel des Ginkgo-Blattes. Es ist eines der größten in Hamburg. Namhafte Unternehmen sind hier vertreten und die in einer ehemaligen Fabrik residierende Party-Location Edelfettwerk. Die Diskothek ist ein Exot in der tristen Nachbarschaft und einzigartig im bürgerlich-geruhsamen Eidelstedt.

Doch keine Institution hat den Stadtteil so sehr geprägt wie die Bahn: Nachdem bereits 1844 der erste Zug an Eidelstedt vorbeigefahren sein soll, entstand hier knapp 80 Jahre später der größte Rangierbahnhof Norddeutschlands. 1991 wurde auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs ein ICE-Werk in Betrieb genommen: Innerhalb einer Stunde werden hier Schnellzüge gereinigt und repariert.

Rückbesinnung auf die Historie

Als Anfang des 20. Jahrhunderts aufgrund der florierenden Eisenbahn Tausende Bahnarbeiter ein neues Zuhause suchten, entstanden die ersten Siedlungen, die Eidelstedts urbanen Charakter heute noch ausmachen. Das Ende des Bauerndorfes war da längst besiegelt: Milchwirtschaft, Garten- und Gemüsebau hielten sich bis 1900. Dann gab es kein Halten mehr: Industrie siedelte sich an, der Rangierbahnhof wurde gebaut. Die Struktur änderte sich komplett. In den 1920er-Jahren verschwand das Jaarsmoor. Die Eidelstedter Brook und das Spritzfeld wichen neuen Häusern. 1927 wurde Eidelstedt Altona zugeschlagen, zehn Jahre später Groß-Hamburg.

Erst in den 70er-Jahren verlangsamte sich das Tempo. Und heute besinnt man sich wieder der - wenn auch spärlichen - Überreste eigener Geschichte. Und wenn es in Form eines eigenen Stadtwappens ist.


Eidelstedt historisch

Viele Hamburger erinnern sich noch an das Alabama-Kino, das in einem alten, lang gezogenen Haus an der Kieler Straße untergebracht war. Wenige wissen aber sicherlich, dass dieses Gebäude als Ramcke’s Gasthof lange der wichtigste Veranstaltungsort Eidelstedts gewesen war.

Vor allem während der Kaiserzeit lockte die Ausflugs- und Vereinsgaststätte unzählige Besucher. Ihre Hauptattraktionen: Ballsaal, Doppelkegelbahn und ein großer Garten. 1862 wurde hier Eidelstedts ältester Verein gegründet, die Liedertafel Hoffnung, dreißig Jahre später auch der Eidelstedter Haus- und Grundbesitzerverein. Nach dem Zweiten Weltkrieg, der in Eidelstedt 61 Menschenleben gefordert hatte, wurde der Gasthof zunächst zum Barberina-Kino umgestaltet, ab 1976 flimmerten die Filme dann im Alabama über die Leinwand. 1999 verschwand das alte Haus endgültig.

Endstation Eidelstedter Platz

Auch der Eidelstedter Platz – heute vor allem Drehscheibe für Autos und Busse – hat eine lange, interessante Geschichte. Nach dem Ausbau der „Provinzialchaussee“ (der heutigen Kieler Straße) war das holsteinische Dorf verkehrstechnisch bereits gut erschlossen, von 1844 an lag es zudem direkt an der Eisenbahn zwischen Altona und Kiel. Seit 1884 stand am Eidelstedter Platz ein schmucker Ziegel-Fachwerkbau: der Bahnhof für die neue Altona-Kaltenkirchener Eisenbahn (AKE). Die Schienen führten von Altona über die Kieler Straße mitten durch Eidelstedt bis nach Kaltenkirchen.

Die Bahn wurde, die Abkürzung aufgreifend, spöttisch auch „Angst- und Kummerbahn“ genannt, weil es trotz der niedrigen Fahrgeschwindigkeit vor Ort immer wieder zu Unfällen kam. 1912 wurde der Bahnhof verlegt, stattdessen zuckelte nun eine Straßenbahn zum Eidelstedter Platz.

Die „Elektrische“ fuhr vom Altonaer Fischmarkt über Stellingen bis zu dem am Platz erbauten Gasthaus Doppeleiche, in dem später auch die im Zweiten Weltkrieg zerbombten Eidelstedter Lichtspiele das Publikum anlockten. Eidelstedt hatte zu diesem Zeitpunkt eine rasche Entwicklung durchgemacht.

Lange vorbei die urigen Zeiten, als die erste Post regelmäßig aus Ottensen kam (1844). Seit 1880 war ein Gendarm am Ort stationiert, 1886 ein Schulhaus mit vier Klassen am Luruper Weg (heute Elbgaustraße) eingerichtet worden. Ein Jahr später gab es die Freiwillige Feuerwehr, 1901 gründete man den Bürgerverein. 1902 wurde ein Elektrizitätswerk am Furtweg erbaut, und 1906 folgte die Einweihung der Eidelstedter Kirche.

Miese „Eidelstedter Gerüche“ und schöne Siedlungen

Die Lage am Stadtrand bei gleichzeitiger guter Erreichbarkeit hatte Eidelstedt rasch für allerlei Gewerbeansiedelungen attraktiv gemacht. Teile des Dorfes wurden früh zu Industriestandorten – vor allem in der Nähe der Bahnlinien.

Schon 1877 war eine Glashütte errichtet worden, 1883 die Tivoli-Brauerei. Später folgten Fisch verarbeitende Fabriken und unter anderem eine Drahtnetz- und eine Öl- und Bleifabrik. Die Brunnen der Gemeinde und der Mühlenteich versiegten – wohl wegen des permanenten Grundwasserentzugs –, auch das Strandbad Jungbrunnen blieb auf der Strecke.

Über Jahrzehnte waren die fischigen „Eidelstedter Gerüche“ in Hamburg berüchtigt, und die Einwohner litten unter diesem Image, das heute längst Vergangenheit ist. Im September 1944 wurde am Friedrichshulder Weg ein Außenlager des KZ Neuengamme eingerichtet, von dem aus osteuropäische Zwangsarbeiterinnen zum Einsatz getrieben wurden – auch in die Eidelstedter Fabriken.

Eidelstedt hat auch eine lange Geschichte als Standort für Wohnsiedlungen, für die Waldund Moorflächen und etliche Wiesen geopfert werden mussten. Schon in den 1920er-Jahren waren Eisenbahnerwohnungen und -häuschen gebaut worden, die wegen ihrer Lage im Grünen und der für damalige Zeiten modernen Ausstattung überzeugten. Anfang bis Mitte der 1950er-Jahre wurden am südwestlichen Ende des Stadtteils rund 260 „Reichsheimstätten“ gebaut.

„Hier gab es nur Wiesen und Weiden und eine schlaglochübersäte Landstraße, die Lohkampstraße“, heißt es dazu auf der Homepage der Siedlergemeinschaft. Das blieb nicht lange so, und die Lohkampsiedlung entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer der schönsten Hamburgs. Die Doppelhäuser mit ihren ungewöhnlich großen Gärten und den zu Garagen umgestalteten ehemaligen Kleinviehställen sind heute vor allem bei jungen Familien begehrt. Am Stadtrand liegend und trotzdem leicht zu erreichen – das waren schon vor hundert Jahren die Pluspunkte von Eidelstedt.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 18.09.2018