Stellingen - Hagenbeck und Autobahn-Deckel

Russisch-Orthodoxe Kirche in der Hagenbeckstrasse
Andreas Laible/ HA

 

Laut und aufregend - das Leben zwischen Hagenbeck und dem Milliarden-Projekt A-7-Deckel.

 

Fläche in Quadratkilometer: 6,1
Einwohner: 25.634
Wohngebäude: 2773
Wohnungen: 13.710
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 492
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 3340
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schlesig-Holstein, Daten: Stand 2016)

 

Auf den ersten Blick ist die Sache recht eindeutig. Stellingen, na klar, das ist Hagenbeck. Der Tierpark mit seinen exotischen Bewohnern und seinen weitläufigen Wegen, seinen Parkanlagen und seinen zahlreichen Attraktionen hat diesen Stadtteil im Nordwesten Hamburgs weltberühmt gemacht.

Als Carl Hagenbeck am 7. Mai 1907 den ersten Zoo der Welt mit gitterlosen Gehegen eröffnete, war Stellingen noch ein Dorf mit rund 6000 Einwohnern vor den Toren der Stadt. Am Wochenende strömten die Hamburger in die Ausflugslokale am Langenfelder Damm oder in der Kieler Straße, wo die Kapellen zum Tanz aufspielten. Sie vergnügten sich im "Grenzhaus" und im "Langenfelder Hof", in "Timmermanns Etablissement" oder im "Hansa-Saal". Sie fuhren Achterbahn im Vergnügungspark von Hugo Haase in der Hagenbeckstraße. Sie schwammen im Freibad "Zum Quellental", das Jakob Pistor aus der stillgelegten Victoria-Ziegelei zum beliebten Ausflugsziel umgebaut hatte. Und sie bestaunten Trapezkünstler, die auf einem Seil über den künstlich angelegten See vor dem "Forsthaus" im Försterweg balancierten.

Tierpark statt Ortskern

Ein Zentrum aber ist Hagenbeck für die Stellinger nicht. Für ein Zentrum muss man keinen Eintritt bezahlen. Ein Zentrum ist etwas für die Bewohner, nicht für Besucher. Das ursprüngliche Dorf lag im äußersten Norden des Stellinger Gebiets. Dort, wo heute die Vogt-Kölln-Straße auf den Wördemanns Weg trifft.

Im 19. Jahrhundert siedelten sich im südlichen Teil Stellingens, in Langenfelde, zunehmend Menschen an, die die rasant wachsenden Städte Altona und Hamburg mit Milch, Butter, Fleisch, Kartoffeln, Obst und Gemüse sowie Holz, Lehm und Ziegeln versorgten. Frauen zogen mit vierkantigen Bügelkörben auf den Schultern los und verkauften ihre Waren auf den Märkten. Die Langenfelder Buttermädchen prägten viele Jahre die Hamburger Straßenszene. Stellingen ist heute ein zerrissener Stadtteil. Zerstückelt von Süd nach Nord durch die sechsspurige Kieler Straße und von West nach Ost durch die Autobahn sowie Volksparkstraße und Koppelstraße.

Ständig zunehmender Verkehr

Die Entwicklung ist ziemlich einseitig. Der Stadtteil muss immer mehr Verkehr verkraften. Quasi im Gegenzug verschwinden die letzten Orte der Ruhe. Es gibt als grüne Oase noch die Stellinger Schweiz, aber kaum noch kleine Geschäfte. Bildeten nach dem Krieg noch 58 Kleingartenvereine mit 4000 Parzellen "die grüne Lunge Stellingens", schrumpfte ihre Zahl im Jahr 2000 auf rund 20.

Der Autobahn-Deckel, der seit 2016 gebaut wird, wird den Stadtteil verändern. Unverändert aber ist das große Engagement der Bürger. In der Freiwilligen Feuerwehr Stellingen, die 2010 ihr 125-jähriges Bestehen feiern konnte. Beim TSV Stellingen von 1888, im Bürgertreff oder beim Stellingen-Fest, das seit rund 30 Jahren im Sommer regelmäßiger Treffpunkt für die Bewohner des Stadtteils ist.

Ein Stadtteil, der aufregt. Und aufregend bleibt.


Stellingen historisch

Die ehemalige Landgemeinde im Kreis Pinneberg war bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein stark landwirtschaftlich geprägt. Ähnlich wie die Wilhelmsburger Bauern setzten die Stellinger auf den Milch- und vor allem Butterverkauf, und sie wurden auch als Bodderbuern bezeichnet.

Die Bauersfrauen und ihre Töchter zogen zum Teil mit Butterkörben bis nach Altona und Hamburg hinein, um ihre Waren anzubieten. Über Jahrzehnte waren die „Langenfelder Buttermädchen“ ein geflügeltes Wort. Langenfelde und Stellingen wurden und werden oft gemeinsam erwähnt. Und das kommt so: Innerhalb der Gemarkung Stellingen hatte sich rund um eine alte Zollstelle die Ansiedelung Langenfelde herausgebildet. Früher war häufig von Stellingen-Langenfelde die Rede.

Langenfelde, das im Westen die Grenze zu Bahrenfeld bildet, ist aber kein eigenständiger Stadtteil. Die „Gartenstadt“ Langenfelde, deren Bau schon in den frühen 1920er-Jahren begonnen hatte, prägte das grüne Erscheinungsbild dieser Gegend, viele der Häuser und Gärten wurden allerdings im Zweiten Weltkrieg durch Bombenangriffe vernichtet.

Für Carl Hagenbeck nur zweite Wahl

Enorm bedeutend für Stellingen wurde die Ansiedelung von Hagenbecks Tierpark im Jahr 1907, die den Namen des kleinen Ortes überall bekannt machte. Lange hatte der Tierhändler und Veranstalter von Völkerschauen, Carl Hagenbeck, ein neues Areal für seine Tiere gesucht. Tierpark und Zoohandlung am Neuen Pferdemarkt platzten aus allen Nähten, außerdem wollte ihn die Hamburger Obrigkeit gern in einen Außenbezirk abschieben.

Später ist nur noch wenig davon gesprochen worden – vor allem in Stellingen –, dass Carl Hagenbeck eigentlich andere Ecken favorisiert hatte und das preußische Dörfchen Stellingen für ihn bestenfalls zweite Wahl war. Lange hatte er mit Horn geliebäugelt, aber die Vertreter der Hamburger Verwaltung stellten sich immer wieder quer. „Ich empfand es schmerzlich, dass in meiner Heimatstadt kein Raum für mich sein sollte“, schrieb Carl Hagenbeck später in seinen Erinnerungen. Doch die Stellinger freuten sich, und letztlich erwies sich der Standort als Glücksfall.

Der Stellinger Lokalanzeiger beschrieb im Dezember 1897, dass Hagenbeck vor Ort viel Land gekauft habe: „ (...) und ist man schon jetzt auf dem früher erworbenen Terrain mit der Planierung und Bebauung eifrig beschäftigt. Für Stellingen dürfte dies einen namhaften Fremdenzufluss für den Sommer zur Folge haben.“ Insgesamt erwarb Hagenbeck 30 Hektar Stellinger Land für relativ wenig Geld, vor allem Höfe und Weiden.

Zur Eröffnung im Mai 1907 wurden die Ehrengäste mit Kutschen von der Haltestelle der „Elektrischen“ in Langenfelde abgeholt, denn der Tierpark, der schnell Weltgeltung erlangte und zum Vorbild für moderne Tierhaltung wurde, hatte damals noch nicht mal einen richtigen Anschluss an die Stadt. Schon im ersten Jahr strömten 800.000 Besucher zu Hagenbeck – die meisten kamen zu Fuß aus Hamburg.

Stellingen wird hamburgisch – und Hagenbeck auch

1927 gemeindete man Stellingen – anders als seine Nachbarn Lokstedt, Niendorf und Schnelsen – nach Altona ein, zehn Jahre später wurde es mit dem Groß-Hamburg-Gesetz Stadtteil, und der weltberühmte Tierpark lag damit nun doch noch in Carl Hagenbecks Heimatstadt. Stellingen hatte im ausgehenden 19. Jahrhundert einen starken Bevölkerungsanstieg zu verzeichnen.

Von 1826 bis 1896 war die Einwohnerzahl von 526 auf das Zehnfache angewachsen, 1914 lag sie bei 6300. In der Gegend setzte während dieser Jahre ein enormer Bauboom ein. 1893 eröffnete das erste Postamt, 1899 ein Freibad. 1903 kam eine Apotheke hinzu, 1911 der Wasserturm Op den Högen. Zu den beliebtesten Ausflugslokalen gehörten das Klubund Ballhaus Unter den Linden und das Alte Gasthaus, die beide an der Kieler Straße lagen. Seit 1945 stieg Stellingens Bevölkerungszahl von damals 16.000 kontinuierlich weiter an. 1975 erreichte sie einen vorläufigen Höhepunkt von 24.500.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 18.09.2018