Lokstedt - Aus seinem Dornröschenschlaf wachgeküsst

Lokstedter Wasserturm
Klaus Bodig/HA

 

Immer mehr Menschen zieht es in den charmanten Hamburger Stadtteil, in dem der NDR und auch Hamburgs älteste Wäscherei zu Hause sind.

 

Fläche in Quadratkilometer: 4,9
Einwohner: 28.426
Wohngebäude: 3176
Wohnungen: 14.778
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 736
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 3656
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Daten: Stand 2016)

 

Ein Obelisk steht für gewöhnlich zentral wie der auf dem Petersplatz in Rom oder am Ende einer Prachtstraße wie in der amerikanischen Hauptstadt Washington. Dieser hier steht im Walde, still und stumm und doch voller Geheimnisse. Der steinerne Geselle reckt sich neben zwei Eschen spitz und säulenhaft in die Höhe in einem unbeachteten Waldstück zwischen Güterbahn, Kollaustraße und der französischen Schule Lycée. Der Obelisk trägt einen Teil der Geschichte Lokstedts.

Ein nebelfeuchtes Dorf an Kollau und Schillingsbek, das sich aus einigen Höfen entwickelte, mal zu Dänemark, Preußen, Altona und erst seit 1937/1938 zu Hamburg gehört. Lokstedt wurde weniger vom weltgewandten Hamburg angezogen, als vielmehr wegen der verheißungsvollen Steuereinnahmen eingemeindet. Denn hier residierten die wohlhabenden Kaufleute in ihren Villen. Das Zylinderviertel zeugt bis heute davon. 1891 erhielt Lokstedt als erstes Dorf in Deutschland eine elektrische Straßenbeleuchtung. Man hatte es ja.

Und den Obelisken widmete einst der Kaufmann Jacob von Axen seiner Tochter Catharina Margaretha. Sie war 1799 mit 26 Jahren gestorben - Schwindsucht. Bis heute ist unklar, ob der berühmte Johann Gottfried Schadow (1764-1850) den Obelisken entwarf. Er schuf auch die Quadriga auf dem Brandenburger Tor in Berlin. Sein Name ist nicht auf dem Obelisken zu finden. Aber zu seinen Arbeiten gehören deutlich mehr, als im offiziellen Werkverzeichnis aufgeführt sind, wie die Schadow-Gesellschaft in Berlin mitteilte. Schadow-Expertin Claudia Czok hält es für denkbar, dass der Künstler eine Zeichnung für das Lokstedter Denkmalensemble lieferte und Hamburger sie umsetzten. Schadow hatte enge Kontakte zu Hamburger Logen.

Wachgeküsst wie Dornröschen

So wie der Obelisk vom Gestrüpp befreit und aufgewertet wurde, so wurde Lokstedt in den vergangenen Jahren aus seinem Dornröschenschlaf wachgeküsst. Während im Stadtteil jede Baulücke geschlossen, klötzchenartig Häuser und Wohnungen gebaut wurden, das beliebte Eimsbüttel sich in den attraktiven Norden mit Grünanschluss ausdehnt, steht fast an jeder Ecke noch ein Zeugnis der charmanten Historie. Amsinckvilla, Wasserturm, Von-Eicken-Park sind nur die bekanntesten Orte.

Wer weiß schon, dass unweit des Obelisken Hamburgs älteste Wäscherei noch heute arbeitet? Diese besondere Note gibt sogar der Luft zwischen Kollau, Lokstedter Steindamm und U-Bahn Hagendeel eine olfaktorische Qualität - eben echt dufte. Die Wäscherei Carl Vollmer begann ihre Arbeit 1840. Der Rütersbarg liegt unweit der Kollau, der Firmengründer hatte nah am Wasser gebaut. Seine Nachfahrin Brigitte Vollmer, die die Wäscherei heute mit einem kleinen Team betreibt, hat ihre Kunden in Hotels und Gaststätten, die Wert auf weiße Wäsche legen. Dabei hat Vollmer die Düfte der Waschmittel stark reduziert, muss genau schauen, ob mehr Fett, Eiweiß oder Grauschleier sich auf Tisch- und Betttuch gelegt haben. Schmutz entfernen mit Köpfchen - nicht einfach die chemische Keule herausholen.

Das Waschmittel, die Hitze der Walzen und die Stärke sorgen für den Frischegeruch, der sich heute bisweilen über den ganzen Stadtteil legt. Die Großwäscherei Hartwig ist benachbart. Ebenso die kleine Backfabrik von Nur Hier (Allwörden). Aus der Niendorfer Straße ziehen die unsichtbaren Schwaden der Backöfen ebenfalls frühmorgens durch die Luft.

Der Duft der Auen rund um Kollau und Schillingsbek animiert die Frühaufsteher zum Schlangestehen beim Bäcker Horn an der Grelckstraße. Auch wenn der rote Bau mit dem goldenen Schriftzug jeden Tag geöffnet ist, drängen die Kunden in den Laden, als gäbe es kein Morgen. Thomas Horn spielte als "Torten-Tuner" in der gleichnamigen Doku-Soap bei Kabel eins. Das ging an der Zielgruppe vorbei. Die Sendung wurde eingestellt. Bäcker Horn blieb somit bei seinen Brötchen und Törtchen.

Täglich auf Sendung

Denn Fernsehen gibt's ohnehin in erschlagender Dosis aus Lokstedt. Wo einst auf der Dirt-Track-Rennbahn Motorräder um die Wette sausten und Max Schmeling im Kampf gegen Walter Neusel 1934 mit 102.000 Zuschauern die größte in Deutschland für einen Boxkampf zusammengekommene Zuschauermenge anzog, thront heute das NDR-Fernsehen. ARD aktuell liefert "Tagesschau" und "Tagesthemen", die angeschlossenen Funkhäuser prahlen mit TV-Flaggschiffen wie "Panorama".

Und das Corvey-Gymnasium mit seiner Theaterklasse ist so etwas wie eine heimliche Schauspielschule. Nina Bott hat hier Abitur gemacht. Der bei einem Autounfall in Eppendorf getötete Schauspieler und Autor Dietmar Mues hat hier mit seinen Söhnen kleine Kammeraufführungen gegeben. Die Brüder Wanja, Jona und Woody Mues gingen zum Corvey. Alle drei wurden Schauspieler.

"Tagesschau"-Chefsprecher Jan Hofer wohnt selbst in Lokstedt. Autobahn, Flughafen, Dammtorbahnhof - das sind seine Koordinaten, wenn er mal beruflich schnell wegmuss. "Lokstedt liegt dafür ideal", sagt Hofer. Und mit dem Fahrrad zu Hagenbeck oder ins Niendorfer Gehege - das sind die Touren ins Grüne, die die Einheimischen lieben. Der alte Ortskern in der Grelckstraße, sagt Hofer, sei in den vergangenen Jahren wieder aufgewertet worden. Im Schlabberlook zum Brötchenholen - für den TV-Mann in dieser entspannten Atmosphäre kein Problem. Er hat sich bewusst für den Stadtteil entschieden. "Viele, die herzogen, fragen sich: Warum lebe ich nicht schon länger hier?"

Beliebt bei Jung und Alt

Böse Zungen sagen, ausgemusterte ARD-Größen fallen quasi aus dem Studio in die benachbarten Altenheime. Unsinn. Die Ballung der Seniorenwohnsitze fällt aber auf. Gleichfalls ist Lokstedt durch den Bauboom zur neuen Kita-Hochburg geworden. Die Quartiere um die Emil-Andresen-Straße, den Veilchenweg und die Niendorfer Straße sind gleichzeitig älter und jünger geworden. Bobby Car und Rollator bewegen sich in friedlicher Koexistenz durch den Stadtteil. Die Nachfrage nach Wohnraum hier ist ungebrochen groß, die Quadratmeterpreise steigen quasi stündlich. Es wird enger in Lokstedt. Doch das kommt den meisten im Stadtteil eher kuschelig vor.


Lokstedt historisch

Salopp formuliert könnte man das alte Lokstedt als Hamburgs Partydorf bezeichnen. Wer es um 1900 in Eimsbüttel zu verbaut und in Niendorf zu ländlich fand, konnte bis nach Lokstedt fahren, dort einen ausgedehnten Spaziergang unternehmen, um dann ebenso ausgiebig in einem der vielen Gasthöfe und Kaffeegärten einzukehren.

Lokstedt hatte lange zur Haus- und Waldvogtei der Herrschaft Pinneberg gehört und war nach 1866 preußisch geworden. Wegen seiner schönen Lage, der guten Luft und der vielen Gartenanlagen wurde es früh als Ausflugsziel entdeckt. Genau zwischen Hamburg und Pinneberg stand damals – dort, wo Grandweg und Hoheluftchaussee zusammenlaufen – das Grenzhaus Hoheluft, in dessen Garten sich einst bis zu 1000 Gäste tummelten.

Beliebt waren auch Gasthof Münster am Siemersplatz, der erst vor wenigen Jahren abgerissen wurde, und der gegenüber liegende Lindenpark. Auf Höhe der heutigen Grelckstraße, der früheren Königstraße, standen das Gasthaus Waldeslust und der Holsteinische Hof, auch Hintzes Kaffeegarten war angesagt.

Ruhige Villen und viel Gewerbe

1891 erhielt Lokstedt elektrische Straßenbeleuchtung – als erstes Dorf Deutschlands. Ab dem frühen 20. Jahrhundert setzte – wie überall in Hamburg und der näheren Umgebung – eine rege Bautätigkeit ein, die zur Zweiteilung Lokstedts führte. Einerseits fanden sich ruhige Villenkolonien, andererseits Gewerbe- und sogar Industriebauten.

Ganz in der Nähe des Zylinderviertels gab es schon früh Firmen wie Valvo-Radio- Röhren, die Keksfabrik J. G. Kemm, das Sägewerk Fischer und die Großbäckerei Nur Hier. An beiden Seiten des Grandwegs standen große Gärtnereien, darunter Havemann & Voß, Willin und Boettcher.

Unternehmer aus Lokstedt und Hamburg ließen sich in der Gegend prachtvolle Häuser errichten, die den Lokstedtern wie kleine Schlösser vorkamen. Das 1870 errichtete Anwesen von Kaufmann Wilhelm Amsinck ist so ein Prachtbau – genau wie Carl Heinrich von Eickens Villa am Rütersberg. Beide waren von riesigen Gärten umgeben, die heute Parks sind und – natürlich – Amsinck- und Von- Eicken-Park heißen.

Die Verschiedenheit der einzelnen Ecken prägt bis heute das Erscheinungsbild des Stadtteils. 1927 wurde das beliebte Lokstedt mit Niendorf und Schnelsen zur Großgemeinde Lokstedt zusammengelegt, nachdem auch Groß- Altona – vergebens – versucht hatte, sich das Dorf einzuverleiben. 1937/38 kamen alle drei zu Hamburg. Älteren Hamburgern ist die 1929 eingerichtete „Dirt Track“-Motorradbahn beim heutigen Gazellenkamp (ehemals Kampstraße) noch in Erinnerung, die inzwischen zum NDR-Gelände gehört.

Alle fahren über den Siemersplatz

Beim Lokstedter Schmied ließ Hagenbeck jahrelang Ponys beschlagen und Pferdewagen überholen. Viele Hagenbeck- Besucher stoppten mit der „Elektrischen“ in Lokstedt und gingen dann zu Fuß zum Tierpark weiter.

Die heutige Julius-Vosseler-Straße, die früher Carlstraße hieß, wurde erst Anfang der 1960er-Jahre nach Stellingen verlängert. Im Zuge von Straßenerweiterungen wurde rings um den Siemersplatz später noch jede Menge alte Bausubstanz abgebrochen. Noch bis zum Zweiten Weltkrieg war die Straßenbahn eingleisig durch die Kollaustraße gefahren, und ein im Freien stehender Bahnposten gab per Hand die Signale – rot und grün. Wenn es dunkel wurde, nahm er eine Lampe mit rotem beziehungsweise grünem Fenster – so einfach war das.

In den 50er-Jahren fuhr die Straßenbahn schon zweigleisig, dann setzten sich Autos und Busse immer stärker durch. „Ob von Osten, Süden, Westen oder Norden, alles fährt über den Siemersplatz“, steht in der Lokstedt-Chronik von Ursula Aldag. Das stimmt leider. In anderen Städten hätte man solche Kreuzungen längst unter die Erde verbannt, aber Hamburg hat sein Geld lieber anderweitig ausgegeben.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 18.09.2018