Allermöhe - Idyll für geplagte Großstadtseelen

Hamburgs geheimnisvolle schöne Strände , Allermöher See
Michael Rauhe

 

Erdverwachsen und etwas stur: Einmal im Jahr lässt man hier die Sau raus. Der Stadtteil zwischen Autobahn und Elbe.

 

Fläche in Quadratkilometer: 8,6
Einwohner: 1360
Wohngebäude: 454
Wohnungen: 588
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 203
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: keine Daten
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016/2017)


Die Sonne scheint auf üppiges Grün und spiegelt sich in der Dove Elbe, die ruhig hinterm Deich dahinfließt. Ein Idyll, wie geschaffen zum Durchlüften der geplagten Großstadtseele. Kein Kitsch, sondern reiner Zauber: Da zwitschern Vögel unentwegt, da wiegen sich Bäume und Gräser sanft im Wind, während über den Elbeseitenarm kleine Boote schippern. Die Ruhe bestimmt hier den Takt, Schönheit macht die Melodie.


Draußen und doch mittendrin in der Stadt -- das ist Allermöhe. Ein lang gestrecktes Marschendorf, das sich malerisch an den Deich schmiegt, zwischen Autobahn 25 und Dove Elbe. Kleine reetgedeckte Bauernkaten und prachtvolle Gutshöfe säumen den Deich, zwei Baggerseen laden ein zum träumerischen Verweilen.


Erdverwachsen und etwas stur


Bei der Sturmflut 1962 kamen viele Allermöher glimpflich davon. Der Grund: Das Dorf war nach einer Sturmflut im späten 12. Jahrhundert an höherer Stelle neu angelegt worden -- und ist seitdem vor Hochwasser besser geschützt als die übrigen Marschendörfer. Erdverwachsen, stur und Fremden gegenüber eher zurückhaltend, lautet die Selbstbeschreibung der Allermöher.


Gute Karten hat, wer Platt schnacken kann, zumal unter Alteingesessenen das Sprechen der Mundart noch zum guten Ton gehört. Es stärkt das Wir-Gefühl und grenzt die Verwurzelten von den Zugezogenen ab - nicht jeder, der neu ist im alten Allermöhe, kommt damit zurecht.


Das machen sie seit Jahrhunderten so: füreinander einstehen. Wie die meisten anderen Dorfbewohner in den Vier- und Marschlanden waren auch die Allermöher in früheren Zeiten praktisch abgeschnitten von der Außenwelt. Das Leben war hart und entbehrungsreich, Gemüsebauern, die ihre Erzeugnisse -- Grün- und Weißkohl sowie Blumen -- auf dem Hauptmarkt an der Hamburger Nikolaikirche feilbieten wollten, mussten eine zweitägige Reise im Ewer über die Dove Elbe einplanen. Das änderte sich erst, als die Deiche 1890 gepflastert wurden und die Marktbeschicker ihre Waren mit dem Pferdegespann in die große Stadt schaffen konnten.


Ein Hotel -- immerhin!


Auf diesem historischen Pfad -- dem Allermöher Deich -- geht es hoch, Richtung Bergedorf. Links und rechts nur Gutshöfe und Idylle. Und dann doch: eine Schankwirtschaft! Das Restaurant/ Hotel Am Deich liegt etwas versteckt in einer Seitenstraße, schräg gegenüber der Allermöher Werft. Vor allem auswärtige Handwerker, die während der Woche im angrenzenden Gewerbegebiet arbeiten, mieten sich hier oder in den zahlreichen, von privater Hand angebotenen Fremdenzimmern ein.


So ist das eben: In Allermöhe wird mehr gewohnt als gelebt, es gibt gerade mal zwei gastronomische Betriebe, eine Kirchengemeinde, die auch noch für den benachbarten Stadtteil Reitbrook zuständig ist, den Verein Liedertafel Frohsinn (mit Theatergruppe) und eine Freiwillige Feuerwehr. Einkaufmöglichkeiten, Sparkasse, Arztpraxen, Friseur, Kita, Pflegedienst und andere Anbieter der Nahversorgung finden sich in Allermöhe in unmittelbarer Nähe der S-Bahn-Haltestellen Allermöhe und Nettelnburg am Fleetplatz und am Edith-Stein-Platz.


Abgesehen vom Gewerbegebiet im Norden Allermöhes mit seiner Vielzahl von Speditionen ist die Wirtschaft am Deich überschaubar: Es gibt sie noch immer, die Landwirte und Kleinbauern, die ihre Felder bestellen oder in weitläufigen Gewächshäuser-Ensembles Tomaten und anderes Gemüse züchten. Neben einer gut gehenden Fassadenbau-Firma befindet sich unweit des Nettelnburger Landwegs die Allermöher Werft. Einst das Aushängeschild des Marschendorfes -- bis in die 80er-Jahre hinein wurden hier Boote gebaut --, dient die Werft heute vor allem als Liegeplatz für kleinere Yachten und Hausboote.


Nickende Pumpen fördern Öl


Kaum zu glauben, aber wahr: Der fein- bis mittelsandige Allermöher Untergrund birgt wertvolle Bodenschätze. Seit den 1910er- und 1920er-Jahren werden hier Erdgas und Erdöl gefördert, davon zeugen noch heute die in Allermöhe und dem benachbarten Stadtteil Reitbrook sichtbaren, nickenden Förderpumpen. Unter den Stadtteilen befindet sich ein riesiger Erdgasspeicher, in dem Gas aus dem Ems-Dollart-Gebiet und Russland eingelagert wird.


Bei aller ländlichen Abgeschiedenheit schnuppert Allermöhe ab und an aber den Geruch der großen weiten Welt -- und das verdankt es vor allem dem Wassersportzentrum im Süden. Nach dem Umbau der zwei Kilometer langen Regattastrecke für 2,9 Millionen Euro -- inklusive Neubau eines Zielturms -- ist das Zentrum für die Ausrichtung hochklassiger Ruder- und Drachenboot-Events bestens gerüstet. Doch das wahre Herz des Stadtteils schlägt wenige Meter entfernt, am Allermöher Deich 97: Hier steht die herrliche Dreieinigkeitskirche zu Allermöhe-Reitbrook, die älter als 400 Jahre ist.


Rockfestival am Eichbaumsee


Von seiner schönsten Seite zeigt sich Allermöhe bei einer Bootstour auf der Dove Elbe – leider hat 2010 der letzte Bootsverleih in Allermöhe den Betrieb eingestellt. Unzweifelhaft punktet das Kleinod im Südosten Hamburgs mit seinem Ausflugswert: Zwei Baggerseen, der See Hinterm Horn und der Eichbaumsee, locken vor allem Städter am Wochenende massenhaft nach Allermöhe.


Kleiner Wermutstropfen: Im 1976 entstandenen Eichbaumsee, aus dem immer wieder tote Fische gezogen werden, darf seit 2007 nicht gebadet werden. Das Gewässer ist stark mit giftigen Blaualgen belastet und auch mehr als zehn Jahre andauernde Sanierungsbemühungen der Umweltbehörde haben keine Verbesserung gebracht. Dafür geht dort einmal im Jahr richtig die Post ab, wenn Rock-Bands beim Umsonst-und-draußen-Festival "Wutzrock" (Markenzeichen: ein Schwein) das beschauliche Marschendorf zum Beben bringen. Und danach kehrt wieder Ruhe ein in diesem Paradies. Und das ist auch gut so.

 


Allermöhe historisch

Land unter – und zwar ziemlich oft. Die Bewohner der Marschlande hatten in ihrer Geschichte noch stärker mit den Wassermassen zu kämpfen als die der Vierlande. Durch den hohen Grundwasserspiegel blieben Hunderte Hektar Boden häufig überschwemmt, versumpft und für die Landwirtschaft kaum nutzbar. Die Gegend war zwar schon seit dem 13. Jahrhundert eingedeicht, aber diese Deiche boten lange keinen ausreichenden Schutz gegen schwere Sturmfluten.


Allermöhes Häuser wurden im Laufe der Jahrhunderte nebeneinander an der Deichlinie aufgereiht. Das dahinter liegende Land mit seinem satten Marschboden war zwar für die Bebauung mit Häusern ungeeignet, dafür aber ungeheuer fruchtbar. Wie auch beispielsweise in Ochsenwerder oder Reitbrook versuchten die Allermöher immer wieder, den Boden dauerhaft zu entwässern, um ihn besser nutzen zu können. Am Moorfleeter Deich steht bei Nummer 435 immer noch ein altesPegelhaus, das vermutlich zu einer 1914 eingerichteten Entwässerungsanlage gehörte.


Eine wichtige Fähre und der letzter Landvogt


Wie die anderen Dörfer der Marschlande spielte schließlich auch Allermöhe eine wichtige Rolle beim Gemüseanbau und bei der Versorgung Hamburgs mit landwirtschaftlichen Produkten. Außerdem war es dabei verkehrstechnisch gesehen lange eine wichtige Drehscheibe, denn von hier aus fuhr die Dove-Elbfähre zum gegenüberliegenden Reitbrook und wieder zurück, die bis 1873 im Dienst war. Eine andere Fähre verkehrte noch bis 1891, dann wurde sie durch eine Brücke ersetzt.


Fortschrittlich: Schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurden zur Ertragssteigerung beim Gemüseanbau Frühbeetkästen genutzt – mit Rahmen begrenzte Beete, die man mit Glasscheiben abdeckte. Für die Mitte des 19. Jahrhunderts lassen sich in Allermöhe immerhin schon 37 Gehöfteund 50 Katen nachweisen. Der einzige nicht landwirtschaftlich arbeitende Betrieb war eine Kattundruckerei, die im späten 18. Jahrhundert den Betrieb aufnahm, während der Franzosenzeitschließen musste und nach 1814 nicht mehr nachweisbar ist.


In den Chroniken Allermöhes wird nicht ohne Stolz berichtet, dass hier der letzte Landvogt Deutschlands im Einsatz war. Hermann Odemann, 1855 als Spross einer im Land- und Gartenbau engagierten Familie geboren, war von 1888 bis 1919 Gemeindevorsitzender und hatte den Titel Landvogt 1897 auf Lebenszeit erhalten. Er starb 1937.


Autobahn kommt, Kircheninventar verbrennt


Allermöhe hat zwar eine wunderschöne Kirche, die 1614 geweihte Dreieinigkeitskirche, aber Teile ihrer Einrichtung wurden 1901 vernichtet. Das geschah nicht durch Kriegshandlungen oder Vandalen, sondern ausgerechnet bei Renovierungsarbeiten. Die wertvollsten Stücke waren damals extra ins gegenüberliegende Pastorat ausgelagert worden – wo sie prompt einem Feuer zum Opfer fielen, das neben dem Pastorat auch noch die alte Kirchenschule zerstörte. Immerhin blieb der in dem Gotteshaus verbliebene Baxmann-Altar unbeschädigt. Die Kanzel wurde anhand einer Fotografie originalgetreu nachgebildet.


Seit 1842 lag Allermöhe an der Hamburg-Bergedorfer Eisenbahn, und damals freuten sich die Menschen noch über die verkehrstechnische Erschließung vor der Haustür. Seit 1981 wird derStadtteil nun durch die Marschenautobahn von Teilen seines Hinterlandes abgetrennt, und das Erscheinungsbild ist stark durch das Neubaugebiet Neuallermöhe geprägt, dessen Planung schon in die 1920er-Jahre zurückreicht.


Zurück zu den Naturgewalten: Wie lange sich der Kampf der Menschen gegen die Flut in den Marschlanden schon hinzieht, zeigen zwei Eckdaten: Gose und Dove Elbe wurden zwischen 1314und 1344 (beziehungsweise 1471) gegen den Elbe-Hauptstrom nach Osten abgedämmt, während die Abdämmung nach Westen erst in unserer Zeit vollendet wurde: Die Tatenberger Schleusewar 1951 fertiggestellt. Bei der Flutkatastrophe 1962 reichte das Überschwemmungsgebiet wieder bis an Bergedorfs Ortsgrenze heran – aber die Deiche in Allermöhe hielten.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 18.09.2018