Moorfleet - Hier wuchs einst der Hopfen für Hamburgs Brauereien

Tobias Haack mit essbaren Blüten im Gewächhaus in Moorfleet
Klaus Bodig/HA

 

Kaum ein Stadtteil hat sich so grundlegend verändert: Ikea, Bauhaus und Autobahnen statt Gemüseanbau.

 

Fläche in Quadratkilometer: 4,3
Einwohner: 1277
Wohngebäude: 331
Wohnungen: 445
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 199
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: keine Daten
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016/2017)

 

Die Gefahr, zu verdursten, besteht für die Bevölkerung von Moorfleet nicht, es gibt im Ort ja einen Getränkemarkt. Verhungern muss natürlich auch niemand. Im Bamboo, einem kleinen Asia-Restaurant, auf das im Internet viele Fans der Thai-Küche schwören, kann man für wenig Geld lecker essen. Schräg gegenüber, im urigen Mittagstischlokal Zur Elbbrücke, kommt liebevoll zubereitete Hausmannskost zu zivilen Preisen auf den Tisch. An einem unwirtlichen Flecken des Brennerhofs, über den früher die Marschenbahn tuckerte, lockt ein Burger King die Freunde schnellen Essens. Und dann gibt es noch die beliebte und unschlagbar preiswerte Ikea-Gastronomie. Womit das kulinarische Angebot des Stadtteils komplett gewürdigt wäre.


Wer als Selbstversorger ohne Auto lebt, hat in Moorfleet schlechte Karten. Kein Bäcker, kein Supermarkt, kein Schlachter, keine Drogerie, nicht einmal eine Apotheke. Auch keine Post, keine Bank, keine Schule. Moorfleeter Kinder, von denen es nicht allzu viele gibt, gehen meist in Ochsenwerder zur Schule. Zum Einkaufen fahren die Ortsansässigen nach Rothenburgsort oder nach Billstedt.


A 1 besiegelte den Wandel


Natürlich war das früher ganz anders. Aber nun laufen in Moorfleet seit ein paar Jahrzehnten die Dinge so grundlegend anders wie in nur wenigen anderen Hamburger Stadtteilen. Das liegt nicht nur am schwedischen Möbelhändler Ikea, der vor zehn Jahren, am 1. August 2002, am Unteren Landweg 77 seine 29. Filiale in Deutschland eröffnete -- nach Schnelsen die zweite in Hamburg.


Auf der ehemaligen Feldhofe residiert Ikea in friedlicher Koexistenz mit dem Bauhaus, das zeitgleich eröffnete und dessen Firmenschild unter dem von Ikea weithin sichtbar für sein Angebot wirbt. Östlich grenzt eine Kleingartensiedlung an, dahinter verläuft die Bahnstrecke Richtung Bergedorf mit dem einzigen für Moorfleet relevanten S-Bahnhof Billwerder-Moorfleet (S 21).


Schon vor der Ansiedlung der beiden Einzelhandelsriesen nahm der Autobahnbau dem Grünland Moorfleet, das mal eine der fruchtbarsten Gemüsekammern der Stadt Hamburg war, viel von seinem Flair. Die A 1 wurde in den 60er-Jahren gebaut, die Marschenautobahn A 25 im Jahr 1981 vollendet. Die Trassen beider Fernstrecken fräsen sich mit ihren raumgreifenden, kurvigen Anschlussstellen derart massiv in den Stadtteil, dass man ihn auf den ersten Blick kaum zu den als so blumenreich geltenden Vier- und Marschlanden zugehörig empfindet.


Gratulieren mit Frack und Zylinder


Dabei halten die alten Moorfleeter die Geschichte hoch, und so von Straßen zersägt und von Industrie- und Gewerbeansiedlungen geprägt einem das Viertel auch erscheinen mag: Noch spielt das Grün innerhalb und außerhalb der Gewächshäuser hier eine Rolle, selbst wenn die immer kleiner wird. Nachwuchssorgen plagen die Vertreter des örtlichen Vereinslebens -- die Freiwillige Feuerwehr wurde 1896 gegründet, der Moorfleeter Heimatverein 1903 -- trotzdem nicht. Wenn einer der etwa 250 Mitglieder ab 80 einen runden Geburtstag feiert, bekommen sie besonderen Besuch. Der Vorsitzende, gemeinsam mit dem zweiten Vorsitzenden, werden  in Frack und Zylinder vorstellig werden und gratulieren. Derselbe Dresscode ist auch bei Beerdigungen Ehrensache.


Schatten der Vergangenheit


2012 feierten die Einwohner des Stadtteils drei Tage lang rund um die Moorfleeter Kirche den 850. Geburtstag Moorfleets. Dazu hatte unter anderem der Heimatvereins und die Arbeitsgemeinschaft Moorfleet (AGM) eine Ausstellung im Gemeindehaus aufgebaut, die die lange Geschichte des Stadtteils Revue passieren lässt. Anders als in Bergedorf, zu dem Moorfleet verwaltungstechnisch gehört haben die Moorfleeter den Kalender auf ihrer Seite. Denn als "Thom Urenfleth" wurde Moorfleet erstmals 1162 urkundlich erwähnt. Bergedorfs Existenz dagegen ist schriftlich erst seit 1163 verbürgt.


Das Jubiläum eines viel kürzer zurückliegenden Ereignisses lässt manchem Alteingesessenen noch heute den Schreck in die Glieder fahren. Bei der Sturmflut von 1962 brach der Deich an drei Stellen, es gab Tote und immense Sachschäden. Unschöne Erinnerungen weckt auch das Schicksal der Anfang der 50er-Jahre errichteten Bille-Siedlung.


Auf einem seit den 30er-Jahren aufgespülten 31 Hektar großen Gelände aus Elb- und Hafensedimenten, das mit einer anderthalb Meter dicken Schlickschicht versehen wurde, baute die Chemiefirma Boehringer Häuser für Betriebsangehörige, auch die Baugenossenschaft Bille beteiligte sich.


Ende der 80er-Jahre stellte man fest, dass der Boden mit Gift verseucht war. Die Stadt kaufte den meisten Bewohnern Haus und Grundstück ab, sanierte das Gelände und verkaufte den größten Teil an einen Golfplatzbetreiber. Im Frühjahr 2012 feierte "Red Golf", eine Jedermann-Anlage mit neun Löchern, zehnjähriges Bestehen. Auch der Dioxin-Skandal von Boehringer ist unvergessen. 1984 musste die Firma dichtmachen, weil bei der Herstellung von Pestiziden Giftstoffe in unvorstellbarem Ausmaß freigesetzt wurden. Viele Mitarbeiter erkrankten aufgrund der Dioxinbelastung an Krebs.


Die Kirche - ein Juwel


Was gibt es Schönes im geplagten, von Verkehrslärm umtosten Moorfleet? Die Kirche St. Nikolai. Der Baustil-Hybrid aus Fachwerk und Neogotik steht seit 1331 an seinem Platz. Auf dem Friedhof dort liegt auch Pastor Heinrich Matthias Sengelmann, der Begründer der Alsterdorfer Anstalten, begraben.


Das Moorfleeter Schloss, ein 1660 erbautes Hufnerhaus, kann man nur von außen bewundern, es ist in Privatbesitz. Auch sehenswert: das Haus des Tischlers Vogeler am Deich 110. Und die rot geklinkerte Schule, in der von 1949 bis 1980 Grund-, Haupt- und Realschüler aus Moorfleet büffelten.


Moorfleet historisch

Da kann man schon mal was verwechseln: Ursprünglich hieß die gesamte Marschenlandschaft zwischen der Bille und der Dove-Elbe Billwerder. Der Billwerder bezeichnete einst nichts anderes als eine Insel in der Bille und umfasste das Gebiet der heutigen Stadtteile Moorfleet, Allermöhe und Billwerder. Später wurden Moorfleet und Allermöhe zu Billwerder/Elbe zusammengefasst – ein Name, den viele, auch offizielle Stellen, bis weit ins 19. Jahrhundert immer wieder benutzten.


Auf einer 1623 erstellten Zeichnung des gesamten Billwerder findet sich bereits der Name „Morenfliet“. Dieses Dorf wurde im Jahr 1395 von den Holsteinischen Grafen an Hamburg verkauft. Die Stadt gründete die Landherrenschaft von Billund Ochsenwerder und setzte den Landherrn als Verwalter ein.


Hopfen für Hamburgs Brauereien


Ursprünglich bauten die Moorfleeter Bauern Hopfen und Getreide an, wobei sie den Hopfen für die Bierproduktion an die Hamburger Brauereien verkauften. Seit dem 18. Jahrhundert war dann der Gemüseanbau die wichtigste Einnahmequelle, auch Milchwirtschaft wurde intensiv betrieben. Bereits seit 1870 zog man in Moorfleet Tomaten.


Noch im 19. Jahrhundert galt der Transport zu den Hamburger Märkten als aufwendig, weil Deiche und Straßen nur selten befestigt waren und im Winter oder bei Hochwasser kaum benutzt werden konnten. Dass eine Straße wie der Moorfleeter Deich bis zur Handfähre nach Tatenberg 1862 in Privatinitiative gepflastert wurde, war eine rühmliche Ausnahme.


Erst der Ausbau der Verkehrswege zu Beginn des 20. Jahrhunderts brachte Besserung. Wie in vielenanderen stadtnahen Gegenden ließen wohlhabende Hamburger auch in Moorfleet ihre stattlichen Landhäuser errichten, wobei die ehemaligen bäuerlichen Besitzer oft als Verwalter vor Ort blieben.


Moorfleets Schicksal als Mix aus landwirtschaftlichen Flächen und Industriegebiet war früher vorherbestimmt, als viele glauben. Schon seit 1910 hatte der hamburgische Staat damit begonnen,hier, genau wie in Allermöhe und Billwerder, große Flächen aufzukaufen, um dort ein Gewerbe-, Industrie- und Wohngebiet aufzubauen. Das Vorhaben wurde nach Beginn des Ersten Weltkriegszu den Akten gelegt.


Eine Kirche in Urenfleet – so Moorfleets ganz früher Name – wurde schon 1331 erwähnt. 1680, beim Bau der St.-Nikolai-Kirche, überbaute man dieses Kirchlein einfach und trug die alte Anlageab. Bei Bauarbeiten im Jahr 1964 wurden der alte Grundstein von 1680 und die silberne Stiftungsurkunde gefunden. Auf dieser doppelseitig beschriebenen Platte standen – so wie es heute auch noch praktiziert wird – unter anderem die Namen der Förderer des Kirchbaus. 1884/85 erhielt die Kirche einen neugotischen Ziegelturm, der seitdem das Erscheinungsbild des Gotteshausesprägt.


Bedeutendster Pastor an St. Nikolai war Heinrich Matthias Sengelmann, der 1846 in sein Amt eingeführt wurde und sechs Jahre in Moorfleet wirkte. Bei seinem Amtsantritt hatte sein Vater, ein Gastwirt und Viehhändler, die Moorfleeter Kirche aus Dankbarkeit noch reich ausmalen undschmücken lassen. Sengelmann junior richtete 1851 eine erfolgreiche „Arbeitsschule“ für vernachlässigte Kinder ein, die er vor seinem Wechsel an den Michel in eine Stiftung (das St. Nicolai Stift) überführte.


 Zwei tote Pastoren und ein importiertes Denkmal


Sengelmann erging es deutlich besser als zweien seiner Vorgänger. Johann Conrad Klefeker, Pastor in Moorfleet seit 1737, hatte bei der verheerenden Sturmflut von 1771 einen tödlichen Herzinfarkt erlitten, als Wasser in das Gotteshaus eindrang und der Beichtstuhl absackte. Für Klefekers Beerdigung mussten die Moorfleeter eigens eine Brücke vom Pastorat zum Kirchhof bauen, um seinen Sarg hinübertragen zu können. Und Johann Heinrich Lütkens, seit 1783 im Amt, wurde während der Franzosenzeit dermaßen drangsaliert, dass er beim Einmarsch der Russen einen Herzschlag erlitt.


Das vor der Kirche aufgestellte Luther-Denkmal von 1906 stammt übrigens von der Luther-Kirche, die in der Nähe der Michaeliskirche (Michel) an der Karpfangerstraße gestanden hatte und im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs unterging. Nur das Denkmal blieb erhalten und wurdenach Moorfleet importiert.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 18.09.2018