Lohbrügge - Die größte Sandkiste der Hansestadt

Garten von Helga Meyer in Lohbrügge
HA

 

Der Stadtteil entfaltet seinen Charme erst auf den zweiten Blick. Lohbrügge ist zudem eine Hochburg für Narren, die sogar Rheinländer anzieht.

 

Fläche in Quadratkilometer: 13,0
Einwohner: 39.575
Wohngebäude: 5693
Wohnungen: 20.038
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 388
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 2412
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016/2017)

 

Der erste Blick stimmt trübe. Jedenfalls, wenn man aus Hamburgs Zentrum mit dem Auto über die Bundesstraße 5 nach Lohbrügge fährt. Am Rand der vierspurigen Piste geben einige belanglose Gewerbebauten und eine rund acht Meter hohe triste Lärmschutzwand aus Beton den ersten Eindruck -- und der täuscht. Denn wer von der Bergedorfer Straße auf Höhe Heidhorst scharf rechts abbiegt, findet sich plötzlich in einer gewachsenen Siedlung mit schmalen, gewundenen Straßen und schmucken Eigenheimen wieder, dem Ortsteil Alt-Boberg.

Lohbrügge ist ein Stadtteil, der seinen Charme erst auf den zweiten Blick entfaltet und dann viele Überraschungen bietet. So grenzt zum Beispiel die Boberger Niederung südlich an die Verkehrsschlagader Bergedorfer Straße/B5. Dieses 350 Hektar große Areal ist das wohl spektakulärste Hamburger Naturschutzgebiet.

Paradies für Tiere und Segelflieger

Nach wenigen Schritten vom Parkplatz an der Boberger Furt tritt man aus dem Wald völlig unerwartet in eine lang gestreckte Dünenlandschaft. Ihren Ursprung hat die Niederung in der ausgehenden Weichsel-Eiszeit, als durch Verwehung der Schmelzwassersande aus dem Elbe-Urstromtal eine 30 bis 50 Meter hohe Binnendünenkette aufgetürmt wurde. Von 1840 an wurde hier fast 100 Jahre Sand gefördert, unter anderem für die Aufschüttung der Bahntrasse Hamburg-Bergedorf.

Heute sind große Teile der übrig gebliebenen Boberger Düne zum Begehen freigegeben, damit die Sandfläche frei von Bewuchs bleibt. Doch das Naturschutzgebiet ist mehr als diese überdimensionale Sandkiste. Die Boberger Niederung umfasst auf engem Raum Düne, Marsch, Geest und Moor und ist der Lebensraum von seltenen Tieren wie Ringelnatter, Waldeidechse, Grünspecht, Goldammer, Beutelmeise, Eisvogel und Ameisenjungfer. Eine grüne Oase, die sich im Süden bis zum Billwerder Billdeich erstreckt.

Selbst von den Flugzeugen, die in 20 bis 30 Meter Höhe über die Düne gleiten, hört man nur, wie sich der Wind leise rauschend an den langen Tragflächen bricht. Es sind Segelflieger, die bei Westwind aus dieser Richtung zur Landung auf der 1300 Meter langen Grasbahn des Hamburger Segelflugplatzes ansetzen. Er liegt mitten im Naturschutzgebiet. Hier sind der Hamburger Verein für Luftfahrt (HVL) sowie der Hamburger Aero Club (HAC) Boberg beheimatet, mit rund 300 Mitgliedern weltweit einer der größten Segelflug-Klubs. Bei schönem Wetter hängt der Himmel über dem Bezirk Bergedorf gern voller weißer Flugzeuge.

Campus für 3000 Studierende

Weniger idyllisch als in der Boberger Niederung geht es dagegen eineinhalb Kilometer östlich zu. Wenn der Rettungshubschrauber Christoph Hansa des ADAC einfliegt und Patienten bringt, geht es oft um Leben und Tod. Seit 1959 befindet sich an der Bergedorfer Straße 10 das Berufsgenossenschaftliche Unfallkrankenhaus Hamburg (BUKH), im Volksmund als Boberg-Klinik bekannt.

Beim zweitgrößten Arbeitgeber im Bezirk Bergedorf -- nach Hauni -- sind mehr als 1800 Mitarbeiter beschäftigt. Ursprünglich als Nachbehandlungskrankenhaus geplant, hat sich das BUKH mit derzeit rund 470 akut stationären Betten zur führenden norddeutschen Einrichtung für die Versorgung von Unfallopfern und schwer Brandverletzten entwickelt. Das 1981 eröffnete Querschnittgelähmten-Zentrum mit 106 Betten hat landesweit Modellcharakter. Das Zentrum für Brandverletzte mit 26 Betten ist eines der modernsten und größten Zentren dieser Art in Deutschland.

Wer Lohbrügge nur auf einer der Hauptverkehrsachsen durchquert, ahnt nicht, dass dieser Stadtteil seit 1972 sogar einen eigenen Campus hat. Zwei Jahre zuvor wurde die staatliche Ingenieurschule für Produktions- und Verfahrenstechnik in die Fachhochschule Hamburg integriert, die seit 2001 Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg heißt. Die an der Lohbrügger Kirchenstraße ansässige Fakultät Life Sciences im typisch schmucklosen 70er-Jahre-Betonbau bildet heute knapp 4000 Studierende in 17 Studiengängen aus -- zum Beispiel Gesundheits- und Ernährungswissenschaften oder ingenieurwissenschaftliche Fächer wie Umwelttechnik oder Rescue Engineering.

Grüne Oasen hinter Plattenbauten

Doch während des restlichen Jahres geht es in Lohbrügge eher gelassen zu. Typisch für Stadtteile, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg erschlossen wurden und zuvor landwirtschaftlich geprägt waren, stehen sich Einfamilienhausviertel und urbane Großsiedlungen direkt gegenüber. So wurde im Rahmen des sogenannten Aufbauplans 60 ein 243 Hektar großes Gebiet an der Grenze zu Reinbek unter dem Namen Lohbrügge-Nord als Baugebiet für eine Großsiedlung ausgewiesen.

Bis Mitte der 1970er-Jahre entstand so eine Gartenstadt für 5800 Menschen mit zahlreichen Plattenbauten und einigen Hochhäusern -- und den üblichen sozialen Problemen. Markantes Beispiel ist der "Lindwurm", ein mehrere Hundert Meter langer, drei- bis neungeschossiger Komplex mit 258 Wohnungen, der sich entlang des Röpraredders schlängelt.

Dennoch überrascht auch in der architektonischen Tristesse dieser Bauten das großzügige und gepflegte Grün, das die Siedlungen und den ganzen Stadtteil prägt. So liegt lang gestreckt im Herzen von Lohbrügge-Nord der Park Grünes Zentrum mit Sport- und Spielplätzen, Minigolf- und Skateboard-Anlage, Rodelberg, drei Teichen und Wanderwegen sowie einer schönen Vogelvoliere mit Finken, Papageien, Sittichen und Hühnern.

Auch diese Oase offenbart sich erst auf den zweiten Blick, liegt versteckt hinter Plattenbauten. Man gelangt vom Röpraredder nur durch einen Torbogen in den "Lindwurm". Eine ebenfalls kaum bekannte Sehenswürdigkeit ist der Lohbrügger Friedhof östlich des Waldgebietes Sander Tannen. Der Turm der Erlöserkirche, 1899 im neugotischen Backsteinstil errichtet, weist weithin sichtbar darauf hin. Der Friedhof wird seit 1972 nicht mehr belegt, ist seit 1997 ein öffentlicher Park mit historischen Grabmalen. Sämtliche Wege des Friedhofs laufen auf das von Hugo Groothoff entworfene Mausoleum zu, das der Industrielle Wilhelm Bergner, Gründer der Bergedorfer Eisenwerke und Pionier bei der Einführung betrieblicher Sozialleistungen, für sich erbauen ließ.

Wunderbare, oft verborgene Oasen der Ruhe hat der Stadtteil reichlich. Was fehlt, ist ein attraktives urbanes Zentrum. Der Lohbrügger Markt, auf dem jeden Mittwoch und Sonnabend zwischen 60 und 80 Händler ihre Waren anbieten, wurde 2016 modernisiert.

 

Lohbrügge historisch

Es ist nicht unkompliziert. 1929 wurde die Gemeinde Sande (mit Boberg und Ohlendorf) in Lohbrügge umbenannt, nachdem 1895 das 1257 erstmals erwähnte „Lohbrugghe“ und das kleinere, aber wesentlich dichter besiedelte Sande unter dem Namen Sande zu einer Gemeinde verschmolzen waren. Wer also die Geschichte dieses Stadtteils zwischen 1895 und 1929 erzählt, berichtet korrekterweise eigentlich über Sande.

Aus diesem Grund heißt der 1907 fertiggestellte, 31 Meter hohe Wasserturm, der als ein Wahrzeichen Lohbrügges gilt und bis 1972 Wasser lieferte, auch Sander Dickkopp. Lohbrügge, Sande und Boberg hatten über Jahrhunderte parallel bestanden, und viele Ereignisse, die heute in der Geschichte Lohbrügges verbucht werden, hatten sich eigentlich in Sande zugetragen.

Wer Lohbrügge sagt und schreibt, wenn er eigentlich Sande meint, könnte auch behaupten, Klaus Störtebeker sei in der HafenCity hingerichtet worden, weil der historische Grasbrook heute Teil dieses Stadtteils ist. Übrigens erinnern die Namen Asbrookweg und Asbrookdamm an das einstige Waldgebiet (Asbrook = Eschenbruch), an dessen Rand Lohbrugghe im 13. Jahrhundert lag.

Sande als Industriestandort

Während Lohbrügge lange Zeit vor allem landwirtschaftlich geprägt blieb, entwickelte sich Sande zu einem wichtigen Industriestandort. 1864, Lohbrügge und Sande waren damals gerade an Preußen gefallen, wurde die Maschinenfabrik von Wilhelm Bergner von Geesthacht nach Sande verlegt. 1883 kamen eine Nagelfabrik und mehrere Eisengießereien hinzu. Viele Arbeiter aus Bergedorfer Fabriken hatten sich ebenfalls in Sande niedergelassen.

Als Folge wurde in Sande – und stellenweise auch in Lohbrügge – kräftig gebaut. „Neue Straßen entstanden, die Straßenbeleuchtung wurde eingeführt, eine Sparkasse eingerichtet und die zentrale Wasserversorgung mit Kanalisation begonnen“, steht dazu in einer Chronik. Die rasante Entwicklung Sandes kann auch hier an den Einwohnerzahlen abgelesen werden. 1867 hatte es dort 672 Sander gegeben, im Jahr 1900 bereits 5700. Das südliche Sande war lange mit Nadelhölzern bedeckt, die nach dem Zweiten Weltkrieg größtenteils als Feuerholz herhalten mussten. Das Gebiet wurde später aufgeforstet. Die „Sander Tannen“ blieben im Sprachgebrauch erhalten.

1882 wurde die Freiwillige Feuerwehr Lohbrügge, 1892 der Verein für Leibesübungen und 1894 die Kirchengemeinde Lohbrügge gegründet. 1899 weihte man die Erlöserkirche ein, die im heutigen Lohbrügge eine der wenigen alten Landmarken ist. Der Friedhof (von 1897) ist seit 1997 ein öffentlicher Park. Dort befindet sich auch das gigantische Mausoleum des Fabrikanten Bergner, dessen Frau Agnes die Fenster der Kirche gestiftet hatte.1898 und 1903 wurden zwei Schulhäuser gebaut, 1903 startete die Gasversorgung durch das Bergedorfer Gaswerk.

Lindwurm und Gnadenkirche

Sande hatte nach dem Ersten Weltkrieg bei bürgerlichen Hamburgern und Bergedorfern den Ruf einer „roten“ Gegend, und noch bei der Gemeindewahl 1929 entfielen auf die SPD elf, auf die KPD zwei und auf die Bürgerlichen acht Sitze. Von 1929 an war Sande dann, wie erwähnt, Teil der Großgemeinde Lohbrügge. 1937/38 wurde Lohbrügge nach Hamburg eingemeindet 

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 18.09.2018