Osdorf - Weit mehr als Hochhäuser

Polo für Kinder. Warmreiten auf dem Polo Platz.
Klaus Bodig

 

Die Siedlung Osdorfer Born prägt den Ruf des Stadtviertels. Doch hier finden sich auch Einfamilienhäuser, Villen und Bauernhöfe.

 

Fläche in Quadratkilometer: 7,2
Einwohner: 26.140
Wohngebäude: 4024
Wohnungen: 12.412
Immobilienpreise Grunstücke in Euro/Quadratmeter:786
Ein- und Zweifamilienhäuser: 4523
Eigentumswohnungen: 3216
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

Osdorf es ist ein dreigeteiltes Viertel. Es gibt Prachtvillen, reetgedeckte Katen zwischen Einfamilienhäusern und Plattenbauten. Es gibt Superreiche, soliden Mittelstand und Hartz-IV-Empfänger.


Und es ist genau das, was diesen Stadtteil so spannend und vielseitig macht. Auf der einen Seite bäuerliche Natur und Tradition und auf der anderen Seite ein ehemals moderner, mehrstöckiger Siedlungsbau, der die Zahl der Osdorfer mal eben verdoppelt und das Durchschnittsalter deutlich reduziert hat. Der aber auch den Alt-Osdorfern lange Jahre ein Dorn im Auge war, weil er den Ruf und das Aussehen ihres Stadtteils nachhaltig verändert hat.


Der Osdorfer Born hat in ihr Dorf am Rande Hamburgs die Probleme und Vielschichtigkeit der Großstadt mit Wucht hereingebracht. Vielleicht hat er auch die Bewohner der Villenkolonie Hochkamp dahingehend beeinflusst, dass viele von ihnen sich bereits in Nienstedten wähnen, obwohl sie oberhalb der S-Bahn-Station Hochkamp wohnen -- und damit eindeutig zu Osdorf gehören.


Kampf um die bäuerliche Kultur


In Alt-Osdorf, das als "Oslevesthorpe" erstmals 1268 urkundlich erwähnt wurde, gilt seit Jahrhunderten der Leitspruch: "In Osdorf soll keiner alleine sein." Das hat sich zumindest der Bürger- und Heimatverein auf die Fahnen geschrieben. Mit 560 Mitgliedern ist er einer der größten in Hamburg. Man fühlt sich dazu verpflichtet, die bäuerliche Kultur zu erhalten. Tatsächlich gibt es in Osdorf nicht nur ein Jagdrevier, sondern auch Bauernhöfe.


Als Heidi Kabel auf den Hund kam


Es sind moderne Betriebe, die in den 60er-Jahren in die Feldmark umgesiedelt wurden. Fast alle alten Höfe aus dem 17. Jahrhundert mussten dem Straßenbau weichen. Durch die Verbreiterungen der Osdorfer Landstraße und des Rugenfelds konnten die Bauern ihr Vieh nicht mehr über die Straße treiben, ihre Weideflächen wurden vom Dorfkern abgeschnitten. Nur wenige der alten Katen sind noch geblieben, als reetgedeckte Schmuckstücke verschönern sie die Ortsmitte am Rugenbarg oder blitzen zwischen den Autohäusern an der viel befahrenen B 431 hervor.


Das reetgedeckte Fachwerk-Ensemble von 1842 mit wunderschönem Bauerngarten ist das kulturelle und gesellschaftliche Herz Alt-Osdorfs. Die Tochter des letzten aktiven Landwirts, Elisabeth Gätgens, hatte 1982 entschieden, dass das Anwesen an der Langelohstraße 141 nach ihrem Tod in eine Stiftung umgewandelt wird.


Die Elisabeth-Gätgens-Stiftung sorgt nun für den Erhalt der Gebäude, und ihr Geschäftsführer Hinrich Langeloh organisiert auf der alten Diele Veranstaltungen von Jazz-, Folk- und Klassikkonzerten bis zu Theaterstücken. Auch Heidi Kabel ist hier schon aufgetreten - eines ihrer wenigen Bekenntnisse zum Stadtteil. Denn obwohl sie an der Langelohstraße wohnte, fühlte sie sich als Nienstedterin.


Eine andere Welt auf 21 Etagen


So wie Heidi Kabel sich geirrt hatte, so war auch Jazzpianist Joja Wendt lange nicht bewusst, dass sein Elternhaus in Hochkamp zum südlichen Osdorf gehörte. Hier lebt es sich vornehm auf großen Grundstücken, geschützt in den Grundbüchern durch die sogenannte Hochkamp-Klausel, die dauerhaft dafür sorgt, dass das ab 1896 entstandene Villenviertel mit seinen Gründerzeitbauten und Prachthäusern im Landhausstil sein Gesicht behält.


Da erscheint einem dann der Osdorfer Born ganz im Norden des Stadtteils wie eine andere Welt. Hier wohnen mehr als 12.000 Menschen in 4900 Wohnungen, der höchste Bau hat 21 Stockwerke. Zwischen 1967 und 1972 gebaut, war die Siedlung die Antwort des Senats auf die massiven Wohnprobleme jener Zeit. Heute leben hier vor allem Russlanddeutsche, Türken, Afghanen und Iraner. Viele sind arbeitslos, beziehen Hartz IV. Die größte Lebensmittelausgabe der Stadt befindet sich im Osdorfer Born.


"Doch trotz all dieser Probleme, identifizieren sich die Menschen hier mit ihrem Quartier", sagt Roland Schielke, seit 1977 Stadtteildiakon im Quartier. Er mag das Multikulturelle, die Unkompliziertheit vieler Borner, wie die Menschen sich hier nennen. Es gibt einen Zirkus, eine Bücherhalle und das in Norddeutschland einzigartige Klick-Kindermuseum. Hier vergnügen sich nicht nur Borner Kinder, die ermäßigt hineinkommen, sondern Kinder aus ganz Hamburg schleichen durch den Fühlgang oder erforschen "Großmutters Alltagsleben".


Die Feldmark verbindet


Die Natur ist ein eindeutiger Pluspunkt des gesamten Stadtteils. Weit über die Grenzen bekannt ist der Neue Botanische Garten in der Nähe der S-Bahn Klein Flottbek, der eine große Vielfalt an exotischen Pflanzen und Themengärten beherbergt. Und die 120 Hektar große Feldmark ist ein verbindendes Element im Stadtteil: Denn dort begegnen sich Borner wie auch Alt-Osdorfer beim Sonntagsspaziergang.

 

Osdorf historisch

Hochhäuser, Siedlungsbauten, Villen – dieser Stadtteil hat viele Gegenden, die aus ganz unterschiedlichen Zeitabschnitten stammen. Eine Zeitreise durch Osdorf ist auch immer ein wenig Architekturgeschichte. Wie viele andere schlecht oder gar nicht gesicherte Dörfer im Umkreis Hamburgs hatte auch Osdorf während des Dreißigjährigen Krieges ziemlich schwer zu leiden.


Im Nordischen Krieg sah es nicht viel besser aus, unter anderem richteten die Dänen 1712 in dem erstmals 1268 erwähnten Oslevesthorpe ihr Pesthospital ein. 1771 wurden die Karten neu gemischt beziehungsweise das Land neu verteilt: mit der Aufhebung der Feldgemeinschaften und der anschließenden Verkoppelung. Osdorf blieb danach lange ein kleines Bauerndorf, dessen Höfe in Alt-Osdorf zum Teil noch bis in die 1960er-Jahre erhalten waren und dann bis auf ein paar Ausnahmen verschwinden mussten.


In der Chronik des Bürger -und Heimatvereins Osdorf sind sie noch abgebildet, heute abgerissen: Lesebergs Schmiede an der Osdorfer Landstraße, der Hof der Familie Evers an der Ecke Goosacker/Osdorfer Landstraße, Wendt’s Gasthof und viele andere. Allerdings war beim Ausbau der Osdorfer Landstraße 1938 auch schon etliches der Spitzhacke zum Opfer gefallen, darunter die Höfe mit den Hausnummern 182, 184 und 201 bis 203.


Altona mischte schon lange in Osdorf mit


Zurück in die Kaiserzeit: 1880 hatten noch 540 Menschen in Osdorf gelebt, aber auch hier wurde immer stärker gebaut, sodass die Einwohnerzahl im Jahr 1900 bereits bei 1393 lag. Altona hatte schon lange ein Auge auf das Dorf geworfen und hier 1870 eine Armenanstalt errichtet – das Altonaer Landpflegeheim.


Obwohl das Dorf mit den seinerzeit 1088 Einwohnern erst 1927 nach Altona eingemeindet wurde, sind Altonas Pläne für Siedlungsbauten in Osdorf schon älter. Unter anderem sollten dorthin Umsiedler aus Altona-Altstadt ziehen, weil dort die Sanierung anstand.


In den 1930er-Jahren (und auch nach dem Zweiten Weltkrieg) wurden bis hinauf nach Lurup auf mehr als 20 Hektar an Straßen wie Rugenbarg, Blomkamp und Flurstraße Siedlungshäuser (zumeist Doppelhäuser) zu günstigen Krediten errichtet, die noch heute das Erscheinungsbild dieser Straßenzüge prägen. Allerdings werden die großen Gärten, die einst für die Selbstversorger geplant waren, heute anders genutzt, und aus Ställen sind längst Garagen geworden.


Zwei Welten: Hochkamp und Osdorfer Born 

Völlig anders entwickelte sich von 1896 an das Hochkamp-Gelände südwestlich der Osdorfer Landstraße, das – im Gegensatz zum restlichen Osdorf – zu den Elbvororten gezählt wird. Es wurde zum überwiegenden Teil als großzügiges Villengebiet parzelliert und verkauft – inklusive Bahnhof.


Der Verein Hochkamp e. V. von 1918 achtet auf die Einhaltung der sogenannten Hochkamp-Klauseln, die eine Aufteilung und Nachverdichtung der zum Teil parkähnlichen Gärten praktisch unmöglich machen. Dazwischen entstanden in den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren viele Reihenhäuser, die wegen ihrer elbnahen Lage heute teilweise zu schicken Stadthäusern geworden sind.


Der Name der Villensiedlung Hochkamp ist übrigens frei gewählt. Die dazugehörenden Ländereien lagen zwar auf einem Osdorfer Flurstück namens Hohenfelde, aber der Antrag, Ortsteil und Bahnhof auch so zu nennen, wurde abgelehnt. Einer der Gründe: Verwechslungen mit dem Hamburger Hohenfelde seien nicht auszuschließen.


Erst 1927 fuhr ein Bus der „Verkehrs-Aktiengesellschaft Altona“ nach Osdorf hinein. Von 6030 im Jahr 1935 verdoppelte sich Osdorfs Einwohnerzahl bis 1954 auf 12.458. Stark geprägt ist das Image Osdorfs durch die Großwohnsiedlung Osdorfer Born, die in den Jahren 1966 bis 1970 erbaut wurde. Sie nimmt rund 104 Hektar der Osdorfer Feldmark ein und sorgte für einen starken Anstieg der Bevölkerungszahlen. Hatten in Osdorf im Jahr 1938 noch 4669 Menschen gelebt, waren es beispielsweise im Jahr 2004 25.417, von denen fast genau die Hälfte (12.600) am Osdorfer Born lebte.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 17.09.2018