Altona-Nord - Multikulti für Großstädter

Ehemalige Bahnhallen vom Güterbahnhof Altona auf den Gelände Neue Mitte Altona. Im Hintergrund Wohnbebauung an der Emma Poel Straße.
Klaus Bodig

 

Der Stadtteil hat Vieles zu bieten: eine Großbrauerei, ein Musical und, drei Bahnhöfe – und das zweitgrößte Baugebiet der Stadt.

 

Fläche in Quadratkilometer: 2,2
Einwohner: 22.137
Wohngebäude: 1149
Wohnungen: 11.850
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 1055
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 5745
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Daten: Stand 2016)

 


Wer ein Ortsschild für Altona-Nord erwartet, sucht vergeblich. Die Stadtteilgrenzen sind durchweg nur mit dem Bezirksnamen "Altona" markiert. Obwohl dies den üblichen Gepflogenheiten widerspricht, kommt es dem Lebensgefühl vieler Bewohner durchaus entgegen. Wer hier lebt, empfindet sich in der Regel als Altonaer. Also als Großstädter, der offen ist, sich gerne auch in den angrenzenden Szenevierteln Schanze und Ottensen oder in Eimsbüttel bewegt - und die Elbnähe liebt.

Altona steht traditionell für Toleranz. Schon im 19. Jahrhundert erhielt der Ort unter dänischer Hoheit viele für die damalige Zeit großzügige Rechte, wie die Freiheit des Glaubens, der Berufsausübung oder der Ansiedlung. So steht das Tor im Stadtwappen Altona bewusst offen. Jeder hatte hier seinen Platz, durfte sein.

Bis in die 1920er-Jahre entwickelte sich die Stadt zur europäischen Hauptstadt der Fischverarbeitung. Im heutigen Gebiet Altona-Nord gab es viele Felder zum Gemüseanbau, Fabrikationen und Wohnungen. Es war eine preußische Arbeiterstadt, die 1937 durch das Groß-Hamburg-Gesetz eingemeindet wurde.

Verkehrsreich und gut verbunden

Ein Grund für die fehlende Identifikation der heutigen Bewohner mit dem eigenen Stadtteil liegt wohl auch darin, dass Altona-Nord, das nach dem Krieg von der Verwaltung von Altona-Altstadt abgetrennt wurde, kein Zentrum mehr besitzt. Es fehlt ein historischer Ortskern mit Läden, Cafés und Restaurants. Im Zweiten Weltkrieg wurden 80 Prozent der Gebäude zerstört. Der Stadtteil bietet dennoch eine bunte Mischung aus vielem, was zu einer Metropole gehört - von Schulen, Kultur, Subkultur, Kirchen, Sportklubs, Gastronomie bis hin zu großen Unternehmen.

Viele Wohngebiete sind jedoch von breiten Verkehrsadern zerschnitten - wie der Stresemannstraße, Kieler Straße oder Holstenstraße, über die der Schwerlastverkehr donnert. Zudem durchzieht ein Schienennetz den Stadtteil, über das Tag und Nacht die Fern- und Güterzüge der Bahn und die S-Bahnen rattern. Allein den Bahnhof Altona nutzen täglich rund 100.000 Passagiere, hinzu kommen zwei weitere S-Bahnhöfe. Spannend ist der Blick in die Zukunft. Auf dem Gelände des stillgelegten Güterbahnhofs entsteht die "Neue Mitte Altona", es handelt sich um das nach der HafenCity zweitggößte Baugebiet Hamburgs. Der Grundstein wurde 2016 gelegt, die ersten Bewohner sind Anfang 2018 eingezogen. Gebaut wird noch einige Jahre. Für 2023/24 ist die Verlegung des Fernbahnhofes Altona nach Diebsteich geplant, der S-Bahnhof Altona bleibt erhalten.

Auch die Altbausubstanz macht Altona-Nord zu einem begehrter Wohnort. Nicht nur nahe der Max-Brauer-Allee stehen noch prachtvolle Häuser im Jugendstil und aus der Gründerzeit. Auch in anderen Straßenzügen finden sich attraktive Altbauten, moderne Neubauten, Backsteinhäuser der Vor- und Nachkriegszeit - nicht selten in wilder Mischung Wand an Wand.

Viele starke Bürgerinitiativen

Selbst die Bausünden der jüngeren Vergangenheit, wie die Hochhäuser im Plattenbaustil aus den 1970er-Jahren an der Eckernförder Straße, die einst zu den sozialen Brennpunkten der Stadt zählten, wurden verschönert. Ein kleiner Park davor mit Kinderspielplatz, Skater-Rampen und Bänken wirkt einladend, gerade im Sommer, wenn die Kleinen im Sand buddeln und die Großen die Grills anwerfen und sich zum Plausch treffen.

Altona, ehemals "roter" Arbeiterbezirk, zieht auch heute noch viele junge Leute, Studenten und Bürger der Mittelschicht an. Vielleicht weil die Mieten hier noch nicht durch die Decke gegangen sind, obwohl der Stadtteil sehr verkehrsgünstig und stadtnah liegt. Altona-Nord ist bunt und multikulturell, ein Ort, an dem sich Alt und Jung wohlfühlen können. Nur Schickimicki sucht man hier vergeblich.

Eine wichtige Aufgabe fällt den vielen Nachbarschaftsinitiativen zu, die sich an den Bedürfnissen der Bewohner orientieren. So ist der Bürgertreff Altona-Nord mit seinem breiten Kursangebot zum beliebten Treffpunkt gewachsen. Er ist ein Gemischtwarenladen aus Lernen, Feiern und Musizieren. Das Mehrgenerationenhaus FLAKS wendet sich an Frauen aller Nationalitäten, hilft bei Kinderfragen, beim Sprachenlernen und bringt Mütter zusammen.

Ein besonderes Kleinod ist das Nyegaard-Stift, in dem Frauen über 60 in einem schlossähnlichen Komplex ihr gemeinschaftliches Altersmodell gefunden haben. Die benachbarte evangelische Kirche der Stille ist ein sehr besonderer Ort, der überkonfessionell zum Meditieren einlädt. Auch die Mennoniten, die älteste deutsche Freikirche, haben seit 1915 bewusst in Altona-Nord ihren Standort und schätzen seit jeher den liberalen und toleranten Geist des Stadtteils.

Kulturell kann Altona-Nord mit Perlen trumpfen. Mit der Neuen Flora, die 1990 begleitet von Straßenschlachten gegen die "Yuppisierung" des Viertels an den Start ging, beherbergt der Stadtteil eines der bestbesuchten Musicaltheater. Die meisten Besucher kommen allerdings nicht aus Hamburg, sondern zu Hunderten mit Bussen aus ganz Deutschland. Nur wenige Meter entfernt blüht die Subkultur der Musikszene in Bars und Klubs wie Waagenbau oder Fundbüro unter der düsteren Sternbrücke. Für 2020 plant die Bahn die Erneuerung der Brücke. Die Clubs sollen ein neues Quartier bekommen.

Eine junge Kunstszene belebt die ehemalige Viktoria-Kaserne mit neuer Kreativität in einem massiven Backsteinbau aus der wilhelminischen Zeit. Künstler, Designer, Modeschöpfer, Musiker des Vereins Frappant arbeiten hier unter einem Dach, inmitten eines Wohngebiets. Um die Ecke residiert die Galerie St. Gertrude in einer ausgedienten Polizeikaserne. Im Ex-Büro des Präsidenten im Obergeschoss wirkte in den 1990er-Jahren der Hamburger Künstler Horst Janssen in einem Atelier. Sportfreunde finden mit dem SC Teutonia von 1910 und dem SC Union von 1903 Klubs mit Tradition und eigenen Fußballplätzen.

Die Wirtschaft in Altona-Nord ist vielschichtig. Zu den großen Arbeitgebern zählen auch die Deutsche Post, die hier ein Briefverteilzentrum betreibt. Metro, Reyher und ThyssenKrupp Plastics sorgen auf den Gewerbegebieten nahe dem S-Bahnhof Diebsteich für weitere Jobs. Und nicht zuletzt ist da die traditionsreiche Holsten-Brauerei, Hamburgs letzte verbliebene Großbrauerei. Die Carlsberg-Tochter wird 2019 ihren Standort verlagern, bleibt aber zumindest Hamburg treu und zieht nach Hausbruch. Die Verwaltung bleibt auf dem alten Areal an der Holstenstraße. Dort soll zudem Wohnraum für 7500 Menschen entstehen.

Altona-Nord historisch

Natürlich hat Altona-Nord nicht die bewegte Geschichte des benachbarten Stadtteils Altona-Altstadt. Denn die Stadt Altona mit dem ersten Freihafen Nordeuropas hat sich vom Wasser her entwickelt, und der Norden wurde erst um 1900 Stadterweiterungsgebiet. Andererseits wären Altonas rasanter Aufstieg und seine rasche Ausdehnung ohne den nördlichen Teil gar nicht möglich gewesen, und bei etlichen historischen Eckdaten spielen die beiden heutigen Stadtteile eine gleichermaßen bedeutsame Rolle.

„Binnen kürzester Zeit ist Altona glänzender als je zuvor aus der Asche neu entstanden“, heißt es in einer Chronik. Bezogen ist das zwar auf den Wiederaufbau nach dem „Schwedenbrand“ im Jahr 1713. Aber in den Jahren danach ging es mit Altona, das schon seit 1664 mit Stadtprivilegien versehen war, auch generell stetig bergauf. Zwischen 1710 und 1803 verdoppelte sich die Einwohnerzahl auf 24.000 Menschen – Altona war damit die zweitgrößte dänische Stadt. 1910 hatte das inzwischen zu Preußen gehörende „Altona an der Elbe“ (so der offizielle Name) schon mehr als 172.600 Einwohner. Der Norden Altonas, der zunächst weit weniger dicht besiedelt und entsprechend lockerer bebaut war als der hafennahe Süden, erfuhr nun einen kräftigen Entwicklungsschub.

Zu einer Initialzündung wurde dabei – wie auch in anderen späteren Stadtteilen – der dringend erforderliche Ausbau der Verkehrswege. Bereits 1832 war die Straße nach Kiel angelegt worden (Kieler Straße), die sich über Jahrzehnte allein auf weiter Flur befunden hatte. Mit einer neuen Bahnstrecke kam die Ost- West-Achse hinzu: Der Altonaer Bahnhof, der genau auf der Grenze zwischen Ottensen und Altona-Altstadt liegt, war 1844 erbaut worden, und seit 1866 gab es die erste Verbindungsbahn zwischen Altona und Hamburg. Doch bald reichten die Kapazitäten nicht mehr aus.

1895 wurde, weiter nördlich liegend, der zweite Altonaer Bahnhof 1895 fertiggestellt, und man gestaltete seinen Vorgänger kurzerhand zum Rathaus um. Wenn man das Altonaer Rathaus (Bezirksamt) heute von der Südseite her betrachtet, kann man die spätklassizistische Fassade des alten Bahnhofs noch erkennen. Zwischen den beiden Gebäuden wurde der Kaiserplatz angelegt.

Am Nordende dieses Platzes stand seit 1902 das elegante, riesige Hotel Kaiserhof, die Westflanke bildete das Altonaer Museum, das zwischen 1898 und 1901 erbaut wurde und zwischen 1912 und 1914 einen Erweiterungsbau erhielt.

Der elegante Platz, auf den aus Richtung Osten kommend die damals unvorstellbar prachtvoll bebaute Königstraße traf, war umringt von geschmackvollen Bürgerhäusern mit gepflegten Gärten. An sommerlichen Sonntagen flanierte man zum Platzkonzert und abends ins Stadttheater (von 1876). Damals hatte Hamburgs viel zitierte „schöne Schwester“ Altona diesen Titel wahrlich verdient.

Am alten Kaiserplatz lässt sich das Auf und Ab der Geschichte bestens ablesen. Seit 1922 hieß er Platz der Republik und nach 1933 Adolf-Hitler-Platz. 1938, nachdem Altona in Hamburg aufgegangen war, taufte man ihn Reichsplatz (weil es in Hamburg schon einen nach dem Diktator benannten Platz gab), nach 1945 erhielt er dann wieder seinen Republik-Namen zurück.

Altona-Nord wurde im Zweiten Weltkrieg etwas weniger zerstört als die Altstadt, aber der alte Glanz sank fast ausnahmslos in Schutt und Asche, darunter das Stadttheater. Vom Museum blieb der Südflügel, vom Hotel Kaiserhof ein kläglicher Rest. Manches baute man wieder auf, andernorts kam die Abrissbirne zum Einsatz. Der neugotische schlossartige Bahnhof von 1895 hatte den Krieg leidlich überstanden und wurde 1973 unter großen Mühen trotzdem abgebrochen.

Das einst hoch elegante Bismarckbad riss man erst 2007 ab. Zwei „Landmarken“ unserer Tage, die ein wenig den Lauf der Zeit symbolisieren: 1966 entstand an der Großen Bergstraße Hamburgs erste Fußgängerzone, und im Jahr 1989/90 wurde am Bahnhof Holstenstraße die Neue Flora erbaut. Das Musicaltheater war Ausweichquartier für das Musical „Phantom der Oper“, das Protestler von der Sternschanze vertrieben hatten.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 17.09.2018