Lurup - Ein Ort, der nicht glänzt, aber funktioniert

Minigolfverein Lurup
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In dem Stadtteil an der Grenze zu Schleswig-Holstein ist der Wohnraum bezahlbar. Deswegen ziehen immer mehr Menschen her.

 

Fläche in Quadratkilometer: 6,4
Einwohner: 36.053
Wohngebäude: 5423
Wohnungen: 15.951
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 445
Ein- und Zweifamilienhäuser: 3158
Eigentumswohnungen: 2755
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)


Lurup ist vor allem eines: praktisch. Der Stadtteil glänzt nicht, er soll funktionieren. Für die einen als Wohnviertel, für die anderen als Durchfahrtsviertel aus Schleswig-Holstein in Richtung Stadt, für Dritte als Arbeitsplatz. Wenn Menschen hier diskutieren, dann oft über Verkehr, Sicherheit, Wohnen, Geschäfte. Die Menschen kümmern sich um ihren Stadtteil, suchen nach Lösungen in einem Teil von Hamburg, der nicht auf dem Radar der Reiseführer für Touristen auftaucht.


Lurup ist ein Rückzugsgebiet auch für Menschen mit wenigen Mitteln. Sie können sich hier ihre eigene kleine Welt erschließen. Vor allem deshalb kommen die Menschen hier her: um mit wenig Geld ein Haus zu bauen, eine schöne Wohnung, was Nettes, nicht weit weg vom grünen Schleswig-Holstein, nicht weit weg vom Rummel auf der Mönckebergstraße.

Dat Fischkistendörp

Wer durch Lurup fährt, sieht viele Grundstücke mit Neubauten. Früher stand dort ein Haus mit einem großen Garten. Heute stehen dort drei Häuser - und es gibt nur einen kleinen Garten. Ein Stadtteil wird verdichtet, heißt das heute in der Sprache der Bauplaner.


Erstmals verdichtet wurde Lurup in den 1930er-Jahren, der Zeit der Weltwirtschaftskrise. Lurup wurde auch Dat Fischkistendörp genannt. Viele Arbeiter aus Altona und St. Pauli, vor allem aus der Fischindustrie, verloren Job und Wohnung. Sie bauten sich in Lurup Hütten mit kleinen Gärten, in denen sie Kartoffeln oder Karotten anbauen konnten. In der Jevenstedter Straße und der Kleingartenkolonie am Rugenbarg lässt sich heute noch die Geschichte der Arbeitslosensiedlungen erahnen.


Die Arbeitslosenquote ist in Lurup höher als im Bezirk Altona und der Hamburger Durchschnitt. Auch leben hier mehr Alleinerziehende als im Durchschnitt der Stadt. Einiges haben die Menschen in Lurup in den vergangenen Jahren verloren: die Bücherhalle, das Kino, die alte Post, das Ortsamt, das schicke Eiscafé. Doch wer Lurup nur als Geschichte des Verfalls erzählt, macht es sich zu einfach.

Sehnsucht nach bezahlbarer Heimat

Als das Haus der Jugend am Böverstland schließen musste, wollten sich Anwohner damit nicht abfinden. Und weil die Bücherhalle auch weichen musste, gründeten sie ein Lesecafé. 10.000 Euro spendete ein Unternehmer, 10.000 Euro gab die Behörde dazu. Heute steht am Böverstland das Luruper Stadtteilhaus. Im Programm: Sprachkurse für Migranten, Gesundheitsberatung, Diskussionen mit Lokalpolitikern, Trommelkurse.


Sabine Tengeler war dabei, als die Menschen ihr Stadtteilhaus einrichteten. Seit 1965 lebt sie in Lurup. Heute schreibt sie die Stadtteilzeitung "Lurup im Blick". In Ottensen oder Eimsbüttel sei doch alles schon da und alles gut, sagt Tengeler. "Wer dort wohnt, muss nur noch konsumieren." In Lurup müsse man sich das soziale Leben selbst erarbeiten. In diesen Sätzen schwingt viel mit, was Lurup ausmacht: Frust über die Kürzungen und Verluste. Aber auch Elan.


Lurup ist ein Stadtteil der Zuwanderung - mit den Arbeitern aus der Fischindustrie fing es an. Heute leben hier auch Türken, Russen, Griechen. Ihre Suche heute wie damals: eine bezahlbare Heimat. Durch viele Straßen zieht sich die Vorstadtästhetik des kleinen Mannes: Spitzdachhaus mit Hecke, Markise, Gärtchen, Auto. Auch Lehrerinnen oder Ärzte wohnen hier. In anderen Straßen stapeln sich Sozialwohnungen in Hochhäusern übereinander.


Aber wer Lurup ein Getto nenne, liege völlig falsch, sagt Sabine Tengeler. "Lurup ist eine bunte Mischung." Ein Stadtteilkern fehlt nach wie vor. Doch immerhin: Mit dem Lurup-Center am modernisierten Eckhoffplatz hat vor einigen Jahren ein kleines Einkaufszentrum mit diversen Geschäften für den täglichen Bedarf in das Viertel Einzug gehalten.


Lurup historisch

Manches dauerte hier eine Ecke länger als in anderen heutigen Stadtteilen. Erst 1955, zeitgleich mit dem endlich laufenden Ausbau der Luruper Hauptstraße, fuhr eine Straßenbahn nach Lurup, zuvor hatten die Luruper jahrelang den Fußweg zum Volkspark oder zur Stadionstraße in Kauf genommen. 1919/20 war Lurups erste Wohnsiedlung (Uns Oldeel) gebaut worden, aber es gab damals weit und breit nur eine gepflasterte Straße und jede Menge Sandwege.

Das Luruper Moor – eine Wildnis

Richtig dynamisch war es im Lurup des ausgehenden 19. Jahrhunderts zugegangen, als sich viele Beschäftigte der Eidelstedter und Altonaer Fabriken hier ansiedelten. Wohnraum war knapp, und in Lurup schien er unbegrenzt vorhanden. Um 1900 hatte Lurup 377 Einwohner, 1910 waren es immerhin schon 762. Es gab eine Volksschule, zwei Gaststätten, die freiwillige Feuerwehr und mehrere Vereine. An der Landstraße nach Hamburg standen mit Reet gedeckte Bauernhäuser und Katen, das Luruper Moor war eine stellenweise undurchdringliche Wildnis. Rund 100 Jahre zuvor war hier noch das Unikum „Piepenreimers“ von Tür zu Tür gezogen, um seine einfache Ware anzubieten.


Der 1790 in Lurup geborene Claus Timm verkaufte über Jahrzehnte neben Ilex-Zweigen auch Binsen, die er auf Plattdeutsch als Pfeifenreiniger anpries. Die Luruper hielten „Piepenreimers“ für den Namen des merkwürdigen Händlers, der bis nach Hamburg hinein zeitweise so bekannt war wie der Wasserträger Hummel oder die Zitronenjette.


Das ehemalige Bauerndorf Lurup war übrigens erst relativ spät in der Schenefelder Heide entstanden, nämlich Mitte des 18. Jahrhunderts. Ob der Name wirklich auf ein einsames Gasthaus zurückgeht, in dem die örtlichen Viehhändler auf („op“) das aus Schleswig-Holstein in die Stadt getriebene Vieh lauerten („luurten“)? Erst 1793 war Lurup selbstständige Gemeinde geworden, nachdem die Bauern lange um ihre Eigenständigkeit gekämpft hatten.


Im September 1904 wurde auf dem Luruper Feld eine Kaiserparade abgehalten, und das ganze Dorf war auf den Beinen. Wer dabei sein konnte, erzählte Kindern und Enkeln noch jahrelang vom ungewohnten Glanz dieses Tages – endlich stand Lurup auch einmal im Mittelpunkt.


Nach dem Ersten Weltkrieg und vor allem im Zuge der Weltwirtschaftskrise zogen immer mehr Hamburger und Altonaer nach Lurup. Wieder ging es darum, bezahlbaren Wohnraum zu finden, aber diesmal steckte kein Wirtschaftsboom dahinter. Im Gegenteil: Zahlreiche Fabriken hatten geschlossen, und die arbeitslos gewordenen Beschäftigten konnten andernorts ihre Wohnungen nicht mehr bezahlen.


Viele zimmerten für sich und ihre Familien schlichte Häuschen und nutzten ihre Gärten als Selbstversorger. Immerhin: Mit der Norddeutschen Schleifmittel-Industrie GmbH Hamburg (später Hermes Schleifmittel) gab es seit den 1920er- Jahren an der Luruper Hauptstraße auch einen wichtigen Arbeitgeber.

Lurup als Arbeitervorort

Lurup, das 1927 nach Altona eingemeindet wurde, war nie ein populäres Ausflugsziel wie Niendorf oder Finkenwerder gewesen, und für eine bürgerliche Prägung, wie sie zum Beispiel Hammerfahren hatte, fehlte die Nähe zur Stadt. Binnen weniger Jahre entwickelte es sich stattdessen zu einer Gegend für „kleine Leute“, einem Arbeitervorort, wo man unter einfachen Bedingungenrecht gut leben konnte, ohne von einem Vermieter abhängig zu sein.


Während der NS-Zeit gab es im „roten“ Lurup, Stadtteil seit 1937, ähnlich wie in Altona und Barmbek immer wieder Hausdurchsuchungen und Verhöre, etliche Regimegegner wurden misshandelt. Nach dem Krieg kamen viele ausgebombte Hamburger in Luruper Behelfsheimen unter. 1947 lag die Einwohnerzahl schon bei 14.000, und einmal mehr galt es, möglichst schnell bezahlbaren Wohnraum bereitzustellen. 1969 verschwand die älteste Gaststätte des Stadtteils. Der Luruper Hof musste dem Ausbau der Kreuzung Rugenbarg/ Elbgaustraße/Luruper Hauptstraße weichen.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 17.09.2018