Nienstedten - Dorf mit hanseatischer Lebensart

Schiffsanleger Dampferbrücke Teufelsbrück, Lotsenversetzboot am Anleger Teufelsbrück
Klaus Bodig

 

Eine exzellente Verbindung zwischen Landliebe und diskreter Bourgeoisie. Wer sich ein feudales Leben leisten kann, findet hier ein kommodes Zuhause.

 


Fläche in Quadratkilometer: 4,3
Einwohner: 7238
Wohngebäude: 1807
Wohnungen: 3207
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 1295
Ein- und Zweifamilienhäuser: 6419
Eigentumswohnungen: 5587
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 


Etwas Besonderes ist Nienstedten von jeher - nicht nur wegen der erhabenen Lage auf dem Elbhang. Bereits im 17. Jahrhundert erkoren Pfeffersäcke und Adelige aus dem benachbarten Hamburg das schnuckelige Dorf zwischen Altona und Blankenese als Sommersitz und stille Stätte für die gepflegte Geldanlage. Doch ist der Charme der Bourgeoisie damals wie heute diskret. Wer sich ein feudales Leben leisten kann, findet hier ein kommodes Zuhause. Aldi, Lidl & Co. indes muss er anderswo suchen. Es passt ins Bild, dass der lokale Supermarkt "Hofladen" heißt. Und die Post macht mittags noch zu.

Erstklassige gastronomische Versorgung

Die gastronomische Versorgung ist unverändert erstklassig. Einige Beispiele für lohnende Einkehr, denn alle können hier leider nicht genannt werden: das Hotel Louis C. Jacob mitsamt Lindenterrasse sowie dem Kleinen Jacob gegenüber, das exzellente Il Sole an der Nienstedtener Straße, die Flottbeker Schmiede abseits des Derbyplatzes, das Quellental an der gleichnamigen Straße, das Witthüs im Hirschpark, das Engel am Anleger Teufelsbrück, aber auch die beiden Rastplätze am Elbuferweg. Als Geheimtipp der Anwohner gilt der seit Jahrzehnten angestammte Schlachter Hübenbecker direkt nebenan mit einem sagenhaften Roastbeef. Im Stadtteil wird das Eck "Kap Hoorn" genannt.

"To't Leben hört de Dood"

Dass praktisch jeder jeden kennt und Dorftratsch zum guten Ton gehört, war schon immer so. Unvergessen sind die Zeiten, in denen die legendäre Volksschauspielerin Heidi Kabel beim Einkaufsbummel Klönschnack übern Gartenzaun hielt. Ihr früheres, gelb angestrichenes Einzelhaus an der Langelohstraße, an der Grenze zu Osdorf, wurde vor Jahren verkauft. In ihren Grabstein auf dem Nienstedtener Friedhof ist gemeißelt: "To't Leben hört de Dood". Das versteht auch, wer nicht Platt snackt.

Die gut zehn Hektar umfassende und anno 1814 eingerichtete letzte Ruhestätte abseits der Elbchaussee ist ein Park mit historischen Dimensionen. Verstorbene namhafter hanseatischer Dynastien wie Reemtsma, Parish, de la Camp, Wesselhoeft, Hagenbeck oder Godeffroy sind dort begraben, aber auch Reichskanzler Bernhard von Bülow, der Dichter und Orgelbauer Hans Henny Jahnn sowie der Schriftsteller Hubert Fichte.

Heiraten in der Niendstedtener Kirche

Der Nienstedtener hört den Begriff "Hochzeitskirche" für das dörfliche Gotteshaus gar nicht gerne - dennoch stimmt die Bezeichnung: Wem Eppendorf und St. Johannis zu großstädtisch erscheinen, zieht es zur Trauung gern in die wunderschöne, 1751 errichtete evangelische Kirche ohne Namen. Markenzeichen: Fachwerk, hellblaue Balken, roter Backstein, himmlisch schönes Türmchen. Auch die Adresse ist vom Feinsten: Elbchaussee 410. Der Komponist Georg Philipp Telemann, seinerzeit Musikdirektor der fünf Hamburger Hauptkirchen, schrieb zur Eröffnung eine Kantate mit dem Titel: "Zerschmettert die Götzen!"

Passend dazu ließ Pastor Johann Gottfried Witt Anfang des 19. Jahrhunderts die barocke Ausstattung der Kirche versteigern. Vergoldete Fresken und wertvoller Schmuck, so meinte der Geistliche, lenkten von der Andacht ab. Sein Nachfolger indes ließ 1983 sogar den dunkel bebrillten Barden Heino im Kirchenschiff Lieder singen. "Seitdem", sagte der Stadtteil-Chronist Wolfgang Cords augenzwinkernd, "fürchten die Nienstedtener weder Tod noch Teufel."

Im Stadtteil befindet sich der Internationale Seegerichtshof

Den guten Ruf eines Stadtteils mit außerordentlicher Lebensqualität, einem gemütlichen Ortskern, imposanten Villen im Grünen (von Gärten zu sprechen, wäre eine Untertreibung ...) und einer meist intakten Nachbarschaft nähren Institutionen wie die Führungsakademie der Bundeswehr und der 2000 am Elbufer etablierte Internationale Seegerichtshof auf einem 36.053 Quadratmeter großen Parkgrundstück.

Noch bekannter, auch weil älter, ist das "Elbschlösschen" an der Elbchaussee 352, eine von Baumeister Christian F. Hansen geschaffene Villa mit Kuppel und einer Art Tempelfassade. Einst residierte hier der Kaufmann Heinrich Baur, später war die Elbschloss-Brauerei auf dem gut fünf Hektar großen Areal ansässig. Heute bietet eine Seniorenresidenz luxuriöse Unterkunft.

Dass immer mehr Familien mit Kindern auf Nienstedtens Straßen gesichtet werden, zeugt von der Attraktivität für jüngere Leute. Jung wie Alt freuen sich über einen ganz speziellen Hingucker: Am Dach der freiwilligen Feuerwehr an der Georg-Bonne-Straße turnt eine lebensgroße Kuh - in Dienstjacke. Die 1886 gegründete Feuerwehr spielt eine große Rolle im gesellschaftlichen Leben des 1297 erstmals urkundlich erwähnten Dorfes.

Wohnen wie auf dem Dorfe

Stil kann man nicht kaufen, aber man kann stilvoll wohnen. Ein exzellentes Beispiel hanseatischer Lebensart bieten die uralten, zum Teil reetgedeckten Bauernhäuser im Umfeld des Nienstedtener Marktes. Seit 1742 und über rund zehn Generationen ist die Familie Ladiges im Haus Nummer 1 ansässig. Noch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auf dem Hof Vieh gehalten. Heute birgt das liebevoll restaurierte Gebäude ein kleines Privatmuseum. Ein bisschen scheint die Zeit hier stillgestanden zu haben. Und im Garten steht ein wunderbarer Pfirsichbaum. Von jeher rühmen sich die ortsansässigen Nienstedtener ihrer Fremdsprachenkenntnisse: Sie sprechen Hochdeutsch, Plattdeutsch - "un over anner lüüd".


Nienstedten historisch

Wer durch Nienstedten bummelt, sieht viele idyllische, inzwischen ziemlich schicke Häuschen. Man merkt auf Anhieb, dass man sich in einem der alten, traditionsreichen Hamburger Stadtteile bewegt. Schon auf der 1567 von Melchior Lorichs gefertigten Elbkarte kann man deutlich das Wort „nienstede“ lesen. Ortsmittelpunkt ist seit mehr als 260 Jahren die kleine Kirche mit dem Monogramm des dänischen Königs Friedrich V. und der Jahreszahl 1750 – eine Erinnerung an die Regierungszeit der Dänenkönige in der Herrschaft Pinneberg.

Ursprünglich sollte auch die Kirche nach Friedrich benannt werden – so wie die Christianskirche in Ottensen den Namen seines Vorgängers Christian VI. trägt. Doch Friedrich wollte nicht – und das Kirchlein blieb namenlos.

1814 wurde nebenan der „Prominentenfriedhof“ im damals so beliebten geometrischen Stil angelegt, der bis 1975 sage und schreibe elfmal erweitert werden musste. Nienstedten war
im frühen 19. Jahrhundert das kirchliche Zentrum eines großen Gebiets, und erst später entstanden in Blankenese und Groß Flottbek eigene Friedhöfe.

Zwei große Namen sind mit Nienstedten verbunden: Caspar Voght und Christian F(rederik) Hansen. Voght gestaltete von 1885 an mehrere Bauernhufen zu einer „ornamented farm“ um, deren Reste den Jenischpark bilden. Bauliche Überbleibsel aus dieser Ära finden sich auch heute noch in Nienstedten und in den Nachbarstadtteilen. Baumeister Christian F. Hansen schuf zahlreiche Wohnsitze in Altona und den Elbvororten, vor allem an der Palmaille und der Elbchaussee.

Villa Newman wurde 1935 abgerissen

Etliche reiche Familien haben im Stadtteil Spuren hinterlassen. Der Kaufmann Carl Johannes Wesselhoeft war einst Besitzer des südlichen Quellentals, seit 1953 ist das Gelände als Wesselhoeft- Park öffentlich zugänglich. An Newmans Park erinnert dagegen nur noch der entsprechende Straßenname. Die Villa Newman, die als ältestes Gebäude an der Elbchaussee galt, wurde 1935 abgerissen.

Eine interessante Geschichte hat auch das Haus, das heute das Herzstück des Internationalen Seegerichtshofs bildet. 1887 hatte der Bankier Johann Rudolph von Schröder die 1871 erbaute Villa gekauft. Von Schröder nutzte den 24-Zimmer-Palast nur als Sommerresidenz, ansonsten weilte er in einem Stadtpalais am Neuen Jungfernstieg. Der Bankier soll menschenscheu und hochnäsig gewesen sein. Um in Ruhe zur Elbe flanieren zu können, ließ er einen Tunnel unter der Elbchaussee bauen, über dessen elbseitigem Eingang immer noch Schröders Initialen J. R. S. zu lesen sind. Der gekachelte Durchgang ist heute für Spaziergänger eine nette Abkürzung, Radfahrer müssen sich ganz schön anstrengen, um die Steigung zu schaffen.

Von Schröder starb 1938, und mit der Villa ging es steil bergab. Tennisplätze, Gewächshäuser und Zierteiche verschwanden mit der Zeit, und viele Nienstedtener erinnern sich noch an den halb verfallenen, beigefarbenen Klotz in dem verwilderten Garten. Ende der 1990er-Jahre begann die aufwendige Renovierung, im Jahr 2000 zogen die Richter ein. Der alte Glanz kehrte zurück.

Nicht nur schick und reich

Doch Nienstedten war nicht immer nur schick und reich. Selbst viele Ortskundige wissen vermutlich nicht, dass der frühere Hamburger Bürgermeister (von 1961–1965) Paul Nevermann im Stadtteil aufwuchs – und zwar keineswegs in vornehmen Verhältnissen. Nevermann kam 1902 als drittes Kind eines Brauereiarbeiters zur Welt. In seinen Lebenserinnerungen schreibt er unter anderem: „Unser Heim, Lünkenberg 4, war ganze 25 Quadratmeter groß, 1. Etage, hatte Ofenheizung, nur Petroleumlicht, nur Herdfeuer in der Küche, nur Wasser von der Pumpe im Hof (...) und für vier Familien nur ein Klosett im Hof ohne Wasserspülung.“ Auch so konnte es eben aussehen – das „gute alte“ Nienstedten.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 17.09.2018