Rissen - Der westlichste Stadtteil Hamburgs

Fösterei Klövensteen
Klaus Bodig

Unten Elbstrand, oben grünes Dickicht - und mittendrin treibt Bürgersinn die schönsten Blüten. Wer Natur und Wasser mag, ist hier richtig.

Fläche in Quadratkilometer: 16,65
Einwohner: 15.192
Wohngebäude: 3736
Wohnungen: 7386
Immobilienpreise Grunstücke in Euro/Quadratmeter: 604
Ein- und Zweifamilienhäuser: 4027
Eigentumswohnungen: 3870
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

Als der Teufel einst in den dichten Wald nach Rissen kam und einen prächtigen alten Findling mit in die Hölle nehmen wollte, vielleicht gar, um irgendwelche armen Sünder darunterzuklemmen - da stellte sich ihm ein mutiger Förster entgegen. Es entbrannte ein hitziger Streit um das uralte Gestein. Der wackere Waidmann wich keinen Zentimeter - und wütend spaltete der Gehörnte schließlich den Brocken mit einem gewaltigen Feuerblitz.

Der gespaltene Stein - Klövensteen - wurde zum Namensgeber des mehr als 500 Hektar großen Forstgebiets, das großenteils zu Rissen gehört. Zumindest raunt dies die Volkssage so. Wer Rissen verstehen will, muss vor allem seine Landschaft kennen. Der Stadtteil im äußersten Westen von Hamburg an der Grenze zu Wedel wird bis heute von seinen erst im 19. Jahrhundert, zur Dänenzeit, so dicht aufgeforsteten Waldgebieten geprägt. Vorher waren hier Moor und Heide.

Rissen trägt das Nobeletikett "Elbvorort", da es im Süden an den großen Strom grenzt. Passend zum Teufel und seiner zerstörerischen Wut zerschlugen allerlei Bauherren ab den 60er-Jahren so ziemlich alles, was den Charme des alten Rissen ausmachte. An die Stelle reetgedeckter Bauernkaten, die sich an die Landstraße duckten, traten zumeist gesichtslose Betonbauten. Es muss an der liebenswürdigen Mentalität der Rissener liegen, dass sie weiterhin "ins Dorf" zum Einkaufen gehen und ihren Ort auch so heimelig empfinden.

Bürgerverein kümmert sich um viele Dinge

Anfang der 80er-Jahre wurde Rissen durch den Bau eines kurzen vierspurigen Stücks Bundesstraße auch noch brutal in zwei Teile auseinandergerissen. Die tiefergelegte Architektur trug der Schnellstraße den anschaulichen Namen "Canyon" ein. Geliebt wird Rissens Riss nicht gerade, aber er hält immerhin den starken Durchgangsverkehr vom Ortskern fern.

Rissen - das ist der Stadtteil, der notwendigerweise als Abgrenzung zwischen dem feinen Blankenese und dem ländlichen Wedel liegt. Wer nach Rissen zieht, sucht zwar nichts Extravagantes, aber eine ganz bestimmte Lebensqualität. Man kennt sich, begrüßt sich mit "Moin".

Bestandteil des Bürgervereins, der sich um viele Dinge kümmert, sind auch die "Blumenfrauen". Diese Gruppe hat die Arbeit übernommen, den Ortskern von Rissen zu säubern und liebevoll mit Blumen zu bepflanzen (dass die honorigen Bürgerfrauen von Unkundigen oft für Hartz-IV-Kräfte gehalten werden, können sie verschmerzen). Auch ist es einer Initiative des Vereins zu verdanken, dass der von Familien gern frequentierte Waldspielplatz im Klövensteen erhalten und renoviert wurde.

Schattige Wege durchs Moor

Die Entwicklung des Stadtteils zeigt, dass die Bürger es gewohnt sind, um ihr "Dorf" zu streiten und zu kämpfen. Ob es um den Erhalt der Schulen, ein lebendiges Kulturangebot oder um die Sicherung des Ortskerns geht - immer finden sich Bürger, die diesen Stadtteil vertreten.

Rissen - das sind aber vor allem die liebevoll umgrünten Villen mit oft großen, parkähnlichen Grundstücken, die gepflegten Einfamilienhäuser, das ist der zum Grillen und Chillen einladende Elbstrand in Wittenbergen mit dem unverwechselbaren, 30 Meter hohen rotweißen Leuchtturm von 1899, der sich vor dem höchsten Hamburger Elbufer erhebt. Vom Anleger Wittenbergen aus fahren die Hadag-Fähren Richtung Altes Land und St. Pauli. Rissen - das sind auch die schattigen Wege durch das urige Schnaakenmoor, das vor 10.000 Jahren aus dem Schwemmsand des Elbe-Urstromtals entstand.

Denkfabrik und Golfklub

Am Rande des Ortes, auf dem Weg nach Blankenese, erhebt sich das Haus Rissen mit seinem eindrucksvollen Säulenportikus. Einst Landsitz eines wohlhabenden Kaufmanns, ist es nun renoviert, Hauptgebäude einer renommierten "Denkfabrik", in der über Sicherheitspolitik, Europa oder Globalisierung nachgedacht wird. Noch weiter Richtung Hamburg biegt man zum noblen Golfklub am Falkenstein ab, der zu den landschaftlich schönsten und technisch forderndsten Anlagen in Deutschland zählt. An seinem Rande liegt am Grotiusweg ein architektonisches Juwel - eine Villa aus den 20er-Jahren mit Puppenmuseum und Kunstausstellungen.

Im Waldpark Marienhöhe zwischen Sülldorfer und Rissener Landstraße ist in der ehemaligen Heidorner Kiesgrube ein Freizeit- und Erholungspark für alle Generationen entstanden - mit einem Skatepark, Grillplätzen, Bolz- und Streetballplatz.

Wo Reiter gern absteigen

Und auf der anderen Seite von Rissen, am Sandmoorweg im Klövensteen, beherbergt ein unter alten Bäumen gelegenes Landhaus das Hospiz "Sternenbrücke", das unheilbar kranke Kinder und Jugendliche fürsorglich auf ihrem letzten Weg begleitet. Das Asklepios-Westklinikum wiederum verfügt über eine weithin hochgelobte Palliativstation für todkranke Menschen, denen hier die Schmerzen genommen werden.

Nur einen Hasensprung entfernt liegt das Wildgehege Klövensteen, in dem man Wildschweine, Mufflons, Dam-, Sika- und Rotwild sowie Uhus, Frettchen und viele andere Tiere sehen kann. Der Eintritt ist frei; was man auf diese Weise gespart hat, kann man gleich auf der anderen Seite der Zufahrtsstraße in ein leckeres Gericht der Kleinen Waldschänke investieren, wo auch Reiter gern absteigen. Rissen gehört ja zu jener Region im Westen Hamburgs, die die größte Pferdedichte pro Einwohner in Deutschland aufweisen soll.

Rissen historisch

Am Beispiel Rissen kann man sehen, dass es nicht immer Kriegszerstörungen oder raumfordernde Industrie waren, die das Erscheinungsbild eines Stadtteils nachträglich veränderten. Rissens historische Bausubstanz war bis in die 1960er-Jahre hinein noch weitgehend erhalten – aber davon ist heute kaum noch etwas zu finden. „Viele 250 Jahre alte Fachwerkhäuser, um die heute die Freilichtmuseen ringen würden, wurden in den 60er-Jahren abgerissen, um Neubauten zu errichten“, heißt es in der von der Archivgruppe des Bürgervereins Rissen herausgegebenen Chronik.

Vom kargen Bauerndorf zum Naherholungsgebiet

Rissen war ursprünglich ein Bauerndorf, allerdings mit ziemlich schlechten Böden. „In Rissen kunnt se nix missen“, soll über Jahrhunderte ein geflügelter Satz gewesen sein. Er bedeutet so viel wie „In Rissen können sie nichts entbehren“ und war auf die kargen Erträge der Bauern gemünzt.

Große Bedeutung für die Entwicklung der Gegend hatte der Verkauf von Hofstellen, Dünen und Heideflächen an die Unternehmer Johan Cesar VI. Godeffroy, Friedrich Stucken und Hermann Münchmeyer, die – zeitlich stark versetzt – die Veränderung Rissens vom Heide- zum Walddorf initiierten. Jagdfreund Godeffroy ließ seine Grundstücke großflächig aufforsten, wodurch Rissen seinen besonderen Reiz als Naherholungsgebiet erhielt.

Der wurde nach dem Bau der Eisenbahnstrecke von Blankenese nach Wedel im Jahr 1883 noch verstärkt. Damals verlängerte man die schon 1867 angelegte Strecke von Altona nach Blankenese, und Rissen erhielt 1883 einen eigenen Bahnhof. Als Naherholungsgebiet war der Strand von Wittenbergen seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert immer beliebter geworden. Mit Kurhaus, Gaststätte, Anleger und dem beliebten Fährhaus wirkte Wittenbergen wie ein attraktives Strandbad fernab der Großstadt.

Geblieben ist nur noch der alte Leuchtturm, der am 1. Januar 1900 in Betrieb gegangen war. Was viele nicht wissen: Schon fünf Jahre später musste er wegen einer Fahrrinnenanpassung um immerhin acht Meter weiter in Richtung Wasser verlegt werden. Wie Rissen-Chronist Carsten Meyer-Tönnesmann berichtet, gab es westlich des Leuchtturms zwischen 1760 und 1872 sogar eine Schiffswerft, deren Ruinenteile bis 1914 noch gestanden haben sollen.

Die Rissener hatten viele Jahre den sieben Kilometer langen Fußweg zur 1751 erbauten Nienstedtener Kirche absolviert – und das war nur die einfache Strecke. 1896 kam Rissen zur neugegründeten Kirchengemeinde Blankenese, und erst 1935/36 folgte der Bau der evangelischen Kirche Rissen. 1927 wurde Rissen nach Altona eingemeindet, 1937 nach Hamburg.

Die vielen alten Höfe mussten Neubauten weichen

All das zusammen begünstigte Rissens Entwicklung zum Großstadtvorort. Die Einwohnerzahl stieg von 592 im Jahr 1900 auf 3650 anno 1938. Wie in vielen anderen weiter draußen liegenden Hamburger Stadtteilen erhöhte sich die Einwohnerzahl nach dem Zweiten Weltkrieg auch in Rissen stark. Hatte sie 1946 noch bei 6900 gelegen, lebten dort 1954 schon 9200 Menschen.

Um Platz für die Neu-Rissener zu schaffen, wurden Wohnviertel wie die Siedlungen Mechelnbusch, Niflandring und Nagelshof gebaut. Zu den vielen Bauernhäusern, die dafür auf der Strecke blieben, gehörten die 1726 erbaute Gastwirtschaft von Hinrich Timmermann, das Rissener Landhaus („Dort isst und wohnt man wie bei Muttern“) und die alte „Schusterkate“ an der Rissener Dorfstraße (sie stand von 1785 bis 1966), der Bauernhof der Familie Ladiges (erbaut 1836), der Hof der Familie Holtz, der Behrmann-Hof und Hof Ramcke.

Andere Häuser brannten ab, zum Beispiel der Hof des Bauern Seider an der Rissener Landstraße. „Der Name Rissen kommt von abgerissen“, heißt es vor Ort gelegentlich sarkastisch. Und das ist ja irgendwie verständlich. Erstmals namentlich erwähnt wurde „Risne“ übrigens schon 1255, und der Name sagt viel über die damalige Beschaffenheit der Gegend aus. Er bedeutet übersetzt ungefähr Strauch oder Buschwerk.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 17.09.2018