Iserbrook - Der Stadtteil mit dem "Kaviar-Äquator"

Blick auf die Häuser der Wohnanlage Heidrehmen des Bauverein der Elbgemeinden
HA

 

Viele Bewohner des vergleichsweise jungen Stadtteils nennen sich gern Blankeneser, je südlicher sie von der Osdorfer Landstraße wohnen.

 

Fläche in Quadratkilometer: 2,7
Einwohner: 11.324
Wohngebäude: 2471
Wohnungen: 5682
Immobilienpreise Grunstücke in Euro/Quadratmeter: 578
Ein- und Zweifamilienhäuser: 3749
Eigentumswohnungen: 3243
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

Der Name Iserbrook hat sich schon so manchem Ortsunkundigen dauerhaft ins Gedächtnis gebrannt. Dann nämlich, wenn er mit dem Wagen auf der Osdorfer Landstraße in Richtung Westen zu schnell unterwegs war. Gegenüber der Reichspräsident-Ebert-Kaserne steht seit den 90er-Jahren ein Blitzkasten. Die Iserbrooker kennen ihn natürlich und bremsen rechtzeitig ab. Auf dem Weg "aus der Stadt", in der sie arbeiten, fahren sie dann gemächlichen Tempos nach Hause in ihren Stadtteil, in dem sie leben und in dem hohe Geschwindigkeit keine große Rolle spielt.

Das kann sie angesichts der zahlreichen Tempo-30-Zonen, die sich durch die Wohngebiete mit Einzel-, Mehrfamilienhäusern ziehen, ohnehin nicht. Es scheint fast so, als ob der Blitzkasten die Menschen daran hindern soll, Iserbrook als Durchgangsstraße anzusehen. Und manch ein Bewohner wählt durchaus zugespitzte Begriffe für seinen Stadtteil.

"Iserbrook ist eine Kreuzung", sagt eine Anwohnerin. Immerhin, eine Kreuzung ist schon mehr als eine Straße. Der 28 Meter hohe Turm der Martin-Luther-Kirche an der Ecke Osdorfer Landstraße/Schenefelder Landstraße ist das Wahrzeichen des Stadtteils, der gradlinig und unprätentiös daherkommt. Die Kirchengemeinde ist das Zentrum, hier, wo es keinen Marktplatz, keinen natürlich gewachsenen Ortskern gibt.

Waldhotel ohne Wald

Dass das so ist, liegt an der vergleichsweise jungen Geschichte des Stadtteils. Das erste Gebäude wurde um das Jahr 1882 gebaut. Es war das Haus des Bahnwärters und stand an der Sülldorfer Landstraße am Bahndamm. Vorher bestand die heutige Wohngegend nur aus Heidelandschaften, Äckern und Wäldern. Sie gehörten zu den Dörfern Dockenhuden, Osdorf und Sülldorf.

Zehn Jahre später entstand an der "Kreuzung" das Waldhotel Iserbrook, welches schnell ein beliebtes Ausflugsziel wurde. Das Gebäude steht dort noch immer, nur der Wald ist verschwunden. Heute beherbergt es einen Bäcker und erlebt gewissermaßen eine Renaissance. Zwar ist der Bau kein Anziehungspunkt mehr für Ausflügler von außerhalb. Aber an schönen Tagen sitzen dort die Iserbrooker bei einem Kaffee in der Sonne und ignorieren den Lärm der Bundesstraße 431. Es ist, als ob sie sich ihren fehlenden Ortskern ertrotzen.

Gut möglich, dass das Rauschen der Osdorfer Landstraße deshalb nicht stört, weil der Iserbrooker ihm nicht auf Dauer ausgesetzt ist. Ruhe findet sich in den Siedlungen nördlich der Sülldorfer Landstraße, die Mitte der 30er-Jahre von den Nazis erschlossen wurden. Passenderweise wurde eine davon damals "Frontkämpfersiedlung" genannt.

Auf den rund 1000 Quadratmeter großen Grundstücken entstanden Einfamilienhäuser. Die Idee: Die Bewohner sollten sich selbst versorgen. Im Preis von 5000 Reichsmark waren deshalb auch Gartengeräte, Obstbäume, Schweine oder Hühner inbegriffen. Letztere werden dort auch noch heute gehalten. Inzwischen heißen die Wohngebiete Traunsche oder Senator-Paul-Neumann-Siedlung.

Noch vor wenigen Jahren drohte die Gegend zu vergreisen. Mittlerweile ist sie bei jungen Familien beliebt. So kehren viele, die dort als Kinder aufgewachsen sind, aus der Stadt zurück. Das merkt man auch an den Grundstückspreisen, die immer höher werden. Und so verändert sich der Siedlungscharakter allmählich. Dort, wo früher Einzelhäuser standen, entstehen nun Wohnhäuser mit mehreren Stockwerken. Verdichtung nennt man das.

Verdichtung mit Mehrfamilienhäusern

"Iserbrook ist kein Ausflugsziel. Hier wohnt man", sagt eine Frau, die seit Jahrzehnten in der Siedlung lebt. Wenn sie an die Elbe will, fährt sie nach Rissen, zum Spazieren geht es in den Hirschpark nach Blankenese, obwohl sie gerade zu dessen Bewohnern eine klare Meinung hat. "Wir Iserbrooker sind einfacher, in Blankenese sind die Leute manchmal versnobt", sagt sie.

Lakritzschuhe bei Tante Emma

Und dabei nennen sich viele Iserbrooker gern Blankeneser, je südlicher sie von der Osdorfer Landstraße, dem sogenannten "Kaviar-Äquator", wohnen. So heißt etwa der Sportverein Komet Blankenese, das Schwimmbad an der Simrockstraße wird auf seinem Eingangsschild fälschlicherweise ebenfalls dem reichen Nachbarstadtteil zugeordnet.

Norbert Prenzlin ist mittendrin im Blankeneser Iserbrook. An der Schenefelder Landstraße betreibt er einen Tante-Emma-Laden. Seit 35 Jahren verkauft er in seinem kleinen Geschäft nicht nur Zeitungen, Zeitschriften und Zigaretten, sondern auch Kartoffeln, Eier, Brötchen, Mundwasser, Spirituosen, Rouladen in der Dose und Katzenfutter. Besonders beliebt ist sein Laden bei Kindern, die sich Süßigkeiten in die Tüte abzählen lassen. "Ein davon, zwei davon und drei Lakritzschuhe." Die kosten übrigens nur fünf Cent das Stück.

Eine Manege für Hunderte begabte Kinder

Bei so viel Bodenständigkeit kommt der Circus Mignon an der Osdorfer Landstraße geradezu als Farbtupfer für Iserbrook daher. Auf dem Gelände der ehemaligen japanischen Schule residiert Zirkusdirektor Martin Kliewer in der Traunschen Villa von 1913. Er hat von der Stadt einen langjährigen Mietvertrag bekommen und ermöglicht Kindern, sich als Artisten zu versuchen.

Der studierte Sonderpädagoge hat Zirkusprojekte bereits in der Jugendtherapie angeboten. Das Angebot ist für viele Kinder eine willkommene Alternative zu Tennis oder Hockey. Bis zu 300 von ihnen kommen zu den Trainingsstunden und den Abschlussvorführungen des Circus Mignon. Er ist übrigens ganz leicht zu finden: Wenn man aus der Stadt kommt, rechts ab, gleich hinter dem Blitzkasten.

Iserbrook historisch

Schon erstaunlich, wie langsam sich einige Hamburger Gegenden entwickelt haben. Während nebenan in Blankenese schon Aus?ügler ?anierten, Automobile durch die Straßen zuckelten und schicke Villen gebaut wurden, blieb es in Iserbrook auch lange nach 1900 noch sehr ländlich. Im Gegensatz zum benachbarten Sülldorf gab es hier auch keine ausgeprägte Landwirtschaft.

Iserbrook war auch kein eigenes Dorf, sondern Hinterland der Gemeinde Dockenhuden, die seit 1919 zu Blankenese gehörte. Wachgeküsst wurde Iserbrook erst durch die Blankeneser Kaufmannsfamilie Godeffroy.

Ein Wald von Godeffroys Gnaden

Johann Cesar Godeffroy kaufte ab Mitte des 19. Jahrhunderts riesige Flächen, ließ das Heidegebiet aufforsten und zum Jagdrevier umgestalten. In einer Stadtteilchronik werden die „Altonaer Nachrichten“ zitiert, die 1862 unter anderem (wohl etwas übertrieben) schrieben: „Von dem südlichen Ende der Schenefelder Feldmark an, dann über Rissen bis nach Wedel zu, stehen schon jetzt Millionen kräftig emporschießender Fichten …“
Erster Mittelpunkt Iserbrooks war die Kreuzung, an der sich heute Schenefelder, Sülldorfer und Osdorfer Landstraße treffen. Am Schnittpunkt dieser damals einfachen Landstraßen entstand 1892 das Waldhotel Iserbrook samt Tanzsaal, das ein beliebtes Ausflugsziel wurde. Nördlich davon ließen die Godeffroys einen großen Reiterhof errichten.

Die Gegend kam langsam in Fahrt, aber um 1900 lebten dort immer noch weniger als 1000 Menschen. 1906 wurde östlich der Schenefelder Chaussee (heute Schenefelder Landstraße) das Landrat-Scheiff-Krankenhaus eröffnet, das später Krankenhaus der Elbgemeinden hieß. Es schloss 1936, als man es in den Bau der heutigen Reichspräsident-Ebert-Kaserne einbezog. Diese Kaserne hatte bis 1965 Iserbrook-Kaserne geheißen, und den Festvortrag anlässlich der Umbenennung hielt im Februar 1965 der damalige Hamburger Innensenator Helmut Schmidt.

Ein Kino, eine Schule und endlich auch ein Bahnhof

Nach Eingemeindung in die Stadt Altona im Jahr 1927 wurde Iserbrook Erweiterungsgebiet für städtische Besiedelungsprojekte. An der Schenefelder Landstraße entstand ab 1936 eine Siedlung aus kleinen Doppelhäusern, die gezielt an „verdiente Partei-Genossen“ verkauft wurden und im Volksmund ironisch „Frontkämpfersiedlung“ hieß.

Auch ein Kino gab es seit 1936: die Lichtburg Iserbrook an der Sülldorfer Landstraße, die bis 1966 in Betrieb war. 1938 kam Iserbrook zu Hamburg, wurde aber erst 1951 eigener Stadtteil. Es umfasste fortan den Nordteil der ehemaligen Dockenhudener Ländereien und ein paar Flurstücke des Sülldorfer und des Osdorfer Gebiets. Auch in diese Gegend waren viele ausgebombte Hamburger gezogen, und die Einwohnerzahl war im Jahr 1946 auf mehr als 7000 geklettert. 1949 wurde die erste Schule, 1954 die Martin-Luther-Kirche erbaut. Der gestiegene Wohnraumbedarf erforderte weitere Neubauten, und beispielsweise am Schenefelder Holt entstand in den 1970er-Jahren eine Großwohnsiedlung.

Die Eisenbahnstrecke von Blankenese nach Wedel war seit dem 1. Dezember 1883 in Betrieb, elektrifziert wurde sie aber erst 1950. Bis dahin waren die „Elektrischen“ nur bis Blankenese gefahren, lediglich Dampfzüge hatten auf dem Weg nach Wedel auch Iserbrook passiert.Der neue Bahnhof Iserbrook wurde am 31. Oktober 1950 eröffnet, nachdem die Strecke bis Sülldorf freigegeben worden war. Die S-Bahn-Haltestelle wurde Ende der 70er-Jahre neu gestaltet und auf einen sieben Meter hohen Damm verlegt. Dabei ersetzte man die beschrankten Bahnübergänge über die Straßen Hasenhöhe und Sülldorfer Landstraße durch Brücken. Am 18. Mai 1978 wurden die Züge erstmals über die Brücken geleitet.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 17.09.2018