Altona-Altstadt - Aus Tradition eigensinnig

Der Altonaer Balkon
HA

 

In der einst zweitgrößten dänischen Stadt versteckt sich Norddeutschlands längster Eisenbahntunnel und Deutschlands erste Fußgängerzone.

 

Fläche in Quadratkilometer: 2,8
Einwohner: 29.034
Wohngebäude: 1598
Wohnungen: 16.091
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 1349
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 5745
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

Jeden vierten Donnerstag im Monat geschieht am Platz der Republik 1 in Altona-Altstadt Ungewöhnliches. Dann wird am dortigen Bezirksamt, einem schneeweißen klassizistischen Bau, der einst ein Bahnhof war, eine Flagge aufgezogen, die seit dem 1. April 1938 kein offizielles Hoheitszeichen mehr ist. Damals hörte Altona im Zuge des Groß-Hamburg-Gesetzes auf, eine selbstständige Gemeinde zu sein. 2003 beschloss die Bezirksversammlung dennoch, wann immer sie tagt, die alte rote Flagge Altonas mit dem geöffneten Stadttor zu hissen.

In Altona fühlt man sich auch ein Dreivierteljahrhundert nach dem Verlust der Selbstständigkeit eher als Altonaer denn als Hamburger. Und in Altona-Altstadt, dem Herzstück Altonas, wo einst die Fischersiedlung stand, aus der einmal die nach Kopenhagen zweitgrößte dänische Stadt und noch viel später ein Hamburger Bezirk werden sollte, ist dieses Selbstverständnis besonders weit verbreitet.

Ein Meridian für den Norden

Wobei das mit dem Herzstück so eine Sache ist: Der heutige Zuschnitt des Viertels entspricht nicht seinen historischen Grenzen. Als Altona 1938 in Hamburg aufging, stülpten die Nazis Altona-Altstadt kurzerhand die Grenzen des NSDAP-Parteikreises 7 über. Seither gehört der äußerste Südwesten St. Paulis mit dem Pinnasberg und der klassizistischen St.-Pauli-Kirche von 1819 zum Stadtteil.

Der weitaus größere historische Nordosten Altonas, das vor 1938 erst am Schulterblatt endete, wurde aber dem nördlichen St. Pauli zugeschlagen. Das hatte zur Folge, dass typische Altonaer Straßen wie die Große und die Kleine Freiheit nun auf Hamburger Gebiet liegen. Sie verdanken ihren Namen der Zunft- und Religionsfreiheit, die das liberale Altona seinen Bürgern bereits gewährte, als die Hamburger Nachbarn von solchen Rechten noch nicht einmal zu träumen wagten.

Aber auch weil das Zentrum des Viertels zwischen der heutigen Max-Brauer-Allee und dem Straßenzug Holstenstraße/Pepermölenbek in den Bombennächten des Zweiten Weltkrieges weitgehend dem Boden gleichgemacht wurde, ist vom historischen Kern Altonas nur noch wenig übrig. Die Einkaufsmeile Große Bergstraße lag ebenso in Trümmern wie die Königstraße mit der Hauptkirche St. Trinitatis, dem alten Rathaus und dem Stadttheater.

Nur die Hauptkirche wurde wieder aufgebaut. Ihr schräg gegenüber zeugt noch der 400 Jahre alte jüdische Friedhof vom alten Altona. Da, wo einst das historische Rathaus stand, macht sich eine Tankstelle breit. Eine Gedenktafel an der S-Bahn-Station Königstraße erinnert daran, dass hier der Altonaer Meridian verlief, der im 19. Jahrhundert dem Astronom Heinrich Christian Schumacher als Basislinie für die Vermessung Dänemarks und Norddeutschlands diente. Die Prachtstraße Palmaille blieb immerhin halbwegs erhalten.

Deutschlands erste Fußgängerzone

Ansonsten dominiert die gesichtslose Architektur der 60er- und 70er-Jahre den Kern von Altona-Altstadt. Auch dass die Neue Große Bergstraße 1970 zur ersten deutschen Fußgängerzone wurde, brachte das Viertel nicht weiter. Umstritten war der Bau eines Ikea-Möbelhauses, das 2014 eingeweiht wurde. Die Neuansiedlung sorgte einerseits für eine Belebung der Großen Bergstraße, was auch kleineren Geschäften zugute kommt. Andererseits wird von gestiegenen Ladenmieten berichtet.

Für Familien, die die hohen Mieten und Immobilienpreise des benachbarten Szeneviertels Ottensen nicht zahlen wollen, ist Altona-Altstadt eine interessante Alternative. Denn mal abgesehen vom historischen Kern, gibt es auch hier attraktive Altbauquartiere: Die Sträßchen zwischen Großer Bergstraße, Max-Brauer-Allee und Holstenstraße mit ihren Wohnhäusern aus dem 19. Jahrhundert haben ein ganz eigenes Flair. Mittendrin steht das kreisrunde, denkmalgeschützte Thedebad, in dem Büros und Ateliers untergebracht sind. Gebadet wird in Altona heute im Festland an der Holstenstraße, dem wohl modernsten Schwimmbad Hamburgs.

Auf der anderen Straßenseite in nordöstlicher Richtung ist es nicht weit bis zur Gegend um den Paulsenplatz, die Kunstkirche und den Wohlerspark, wo schöne alte Bürgerhäuser stehen. Der Park, in dem heute Sonnenanbeter liegen, Kinder toben und Jogger ihre Runden drehen, war mal ein Friedhof, auf dem auch der Dichter des Schleswig-Holstein-Lieds Matthäus Chemnitz liegt. Nirgends in Hamburg sind die Toten dem prallen Leben näher als hier.

Glasfassaden von Teherani

Eine Gegend für sich ist das Elbufer von Altona-Altstadt. Es beginnt an der Hafentreppe, wo der szenige Golden Pudel Club residiert. Die künstliche Parklandschaft Park Fiction mit ihren fünf gusseisernen Palmen schließt sich an. Elbabwärts öffnet jeden Sonntag um fünf Uhr der Fischmarkt, die größte Touristenattraktion des Stadtteils. Hinter der historischen Fischauktionshalle und der ehemaligen Mälzerei, die heute das Design-Kaufhaus Stilwerk beherbergt, beginnt der Teil von Altona-Altstadt, der sich in den vergangenen Jahren am stärksten verändert hat: An der Großen Elbstraße gab es einst die Fischmarkthallen, die Haifisch-Bar, den Schellfischposten sowie den Klub Hafenklang. Und abends standen die Damen vom horizontalen Gewerbe an der Straße.

Sie kommen längst nicht mehr, wobei es die Kneipen, den Musikklub und die Hallen noch immer gibt. Doch modernistische Wohn- und Bürogebäude mit großen Glasfassaden haben diese Ecke von Altona-Altstadt verändert. Nirgends im Viertel werden höhere Mieten gezahlt. Der Architekt Hadi Teherani, der einige dieser Häuser entwarf, hat hier mittlerweile sein Büro. In der Nachbarschaft hat sich Edelgastronomie angesiedelt.

Zwei Zentauren ringen um einen Fisch

An der Großen Elbstraße endet auch der mit 951 Metern längste Eisenbahntunnel Norddeutschlands. Der Schellfischtunnel, der nur noch zu besonderen Ereignissen wie etwa dem Tag des offenen Denkmals geöffnet ist, verband einst den Altonaer Bahnhof mit der Hafenbahn.

Vielleicht findet sich eines Tages eine Lösung für eine dauerhaufte Nutzung. Die Altonaer sind einfallsreich: Weil die Stadt kein Geld für die Restaurierung des historischen Stuhlmannbrunnens herausrücken wollte, der nun wieder am Platz der Republik sprudelt, verhüllten sie ihr Bezirksamt gegen Gebühr mit Werbeplakaten. Vom Erlös restaurierten sie den Brunnen in Eigenregie. Er zeigt übrigens zwei Zentauren, die um einen großen Fisch kämpfen und die Konkurrenz zwischen Altona und Hamburg symbolisieren. An diesem Thema kommt man in Altona-Altstadt einfach nicht vorbei.

 

Altona-Altstadt historisch

Altonas Geschichte ist erstaunlich: Aus einer einfachen Kneipe (die angeblich „all to nah“ in Richtung Hamburg gerückt war) und ein paar Häuschen entwickelte sich die größte Stadt Schleswig-Holsteins, die schon 1927 rund 230.000 Einwohner aufbieten konnte. Das unter dänischer Herrschaft stehende Altona hatte bereits 1664 das Stadtrecht erhalten – und damit besondere Privilegien: Religions-, Gewerbe- und Zollfreiheit für jedermann.

Damit war eine Grundlage für den rasanten Aufstieg der Stadt gelegt. Diese Freiheiten machten Altona zum Magneten, außerdem lockten unter anderem günstigere Lebenshaltungskosten als in Hamburg. Das 18. Jahrhundert wird zu Recht als das goldene Zeitalter Altonas bezeichnet. Handels-, Bank- und Zeitungswesen – um nur ein paar Beispiele zu nennen – entwickelten sich schnell und effizient, hinzu kamen viele soziale Einrichtungen.

Altona galt als Mittelpunkt der Aufklärung in Schleswig-Holstein. Ende des 18. Jahrhunderts waren fast zehn Prozent der 24.000 Einwohner Juden – der große jüdische Friedhof an der Königstraße erinnert noch ein wenig an diese Zeit. Die Palmaille, Altonas eleganteste Straße, war in ihren Grundzügen schon in den Jahren 1638 bis 1639 angelegt worden, und in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ließen sich dann wohlhabende Altonaer hier ihre klassizistischen Wohnpaläste errichten.

Der permanente Wettstreit mit der Nachbarstadt war immer wieder ein großes Thema und verärgerte viele Hamburger Honoratioren dauerhaft. Was viele nicht wissen: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte Altona sogar eine größere Handelsflotte als Hamburg.

Zentrum der Fischindustrie

1839 verkehrte erstmals die Bassonsche Pferdeomnibuslinie zwischen Altona und Hamburg, ein neuer Bahnhof (Grundsteinlegung 1845) schuf dann landesweite Verbindungen. Mit dem Anschluss an Preußen (1866/67) wurden die Weichen neu gestellt: Altona entwickelte sich von nun an stärker zu einem Industriestandort Lange Straße (heute Dosestraße) stand, wurde ebenso zerstört wie das barocke Gebäude der Altonaer Sternwarte (von 1821).

An der Stelle der Heiligengeistkapelle, 1716 bis 1718 erbaut, steht heute der Eingang zum Bahnhof Königstraße. Nebenan finden sich noch ein paar versteckte Grabsteine, darunter der des Reformpädagogen und Altonaer Schulleiters Ernst Schlee. St. Trinitatis, 1743 geweiht, war eine totale Ruine und wurde von 1963 bis 1969 mühsam wiederaufgebaut.

Heute steht die Kirche, einst Mittelpunkt einer traditionsreichen Gegend, ziemlich allein da. und – damit verbunden – in Teilen zu einem Arbeiterwohnquartier. 1887 wurde auf dem Altonaer Fischmarkt die erste Fischauktion veranstaltet, und 1895 erbaute man die Fischauktionshalle. 1913 war Altona größter Fischanlandeplatz Deutschlands.

An der Großen Elbstraße schlug das wirtschaftliche Herz der Stadt mit den fast 173.000 Einwohnern (anno 1910). Der davor liegende Holzhafen, der in den Jahren 1722 bis 1724 angelegt worden war, gilt als das älteste noch erhaltene Hafenbecken Hamburgs. Als Übergang vom Hafenrand zur darüber liegenden Wohngegend legte man 1887 die schöne Köhlbrand-Treppe mit den Wappen Hamburgs und Altonas an, die heute noch unverändert erhalten ist.

1874 wurde der Hafenbahntunnel gebaut, der sich rasch zur Lebensader Altonas entwickelte. Er verband den Hafen mit dem Altonaer Bahnhof und war für den Fischhandel und die Fisch verarbeitende Industrie unverzichtbar. Der Schellfischtunnel soll auch heute noch der längste Eisenbahntunnel Norddeutschlands sein. 1889 wurden Ottensen und Neumühlen nach Altona eingemeindet, 1890 folgten BahrenfeldOthmarschen und Övelgönne. 1927 kamen unter anderem die Elbvororte, Stellingen und Eidelstedt zu „Groß-Altona“.

Die Zerstörung von Alt-Altona

Als Altona 1937 mit Hamburg zwangsverheiratet wurde, sahen das viele Traditionalisten skeptisch. Die Schrecken, die folgen würden, konnten sich aber nur wenige vorstellen. Am Ende standen der Krieg und damit der Untergang von Altona-Altstadt und der Tod Tausender. Zwischen dem Fischmarkt und der Königstraße war 1945 kaum ein Haus stehen geblieben. Das alte (zweite) Altonaer Rathaus, von 1761 bis 1721 errichtet, das an der Ecke Königstraße/Lange Straße (heute Dosestraße) stand, wurde ebenso zerstört wie das barocke Gebäude der Altonaer Sternwarte (von 1821).

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 17.09.2018